Interstellar: Wie Christopher Nolan an Kubrick scheitert

Fehlbesetzt: Matthew McConaughey in „Interstellar“ (Foto: Warner)
Christopher Nolan ist ein Filmemacher ohne Maß und ohne Ziel. Das hat er in seinen drei „Batman“-Verfilmungen gezeigt, an denen nichts stimmte: weder die Besetzung mit Christian Bale als Titelheld noch das Gefühl für Tempo und Rhythmus. Dreimal quälte er sein Publikum durch überlange Mythen-Beschwörung, nur, dass diese mit dem eigentlichen Batman-Mythos kaum etwas gemein hatte. Nolans Trick war: Alles sah so toll aus, dass das niemand bemerkte und alle applaudierten.

Auch bei seinem neuestem Film „Interstellar“ macht Nolan wieder das, was er am liebsten tut: Gemeinsam mit seinem Bruder Jonathan schrieb Nolan ein Script, das ein Weltuntergangsszenario vorschiebt, damit der Regisseur in fabelhaften Imax-Bildern, gedreht auf analogem 70mm-Filmmaterial, 169 Minuten durch den Orbit diverser ferner Himmelskörper schweben darf. Darunter legt Nolan einen sakralen, nervtötend wummernden Orgel- und Streicherscore von Hans Zimmer und zieht sich damit das Gelächter all jener zu, die Stanley Kubricks „2001“ wirklich verstanden haben.

Matthew McConaughey und Anne Hathaway in „Interstellar“ (Foto: Warner)
Dabei hätte die Grundidee durchaus Potenzial: Auf der Erde herrscht Endzeitstimmung, weil gigantische Sandstürme die Ernten vernichten. Bald wird die Menschheit hier verhungern, sofern man nicht einen anderen, erdähnlichen Planeten findet, auf den man übersiedeln könnte. Diese potenzielle neue Heimat ist aber so weit weg, dass man die Theorie von Professor Brand (Michael Caine) nutzt: Sogenannte Wurmlöcher bieten sich als „Abkürzungen“ in ferne Galaxien an, man weiß aber nicht, ob sie nicht ein galaktisches One-Way-Ticket sind und man durch sie auch wieder zurückkehren kann. Brands Tochter Amelia (Anne Hathaway) und der Mais-Bauer und frühere Nasa-Pilot Cooper (Matthew McConaughey) wittern die Chance, auf dieser Mission die Zukunft der Menschheit sichern zu können, was natürlich so einfach nicht ist. Denn unterwegs trifft man bereits verloren geglaubte und wutrasende Astronauten (Matt Damon) und übersieht, dass da oben die Zeit langsamer vergeht: Wenn Cooper eine Stunde auf einem der zu untersuchenden Ersatzplaneten verbringt, sind daheim schon sieben Jahre rum. Coopers Tochter, die er als zehnjähriges Mädchen (mit allzu erwachsenen Gesichtszügen) zurückließ, zieht bald altersmäßig mit ihm gleich und wird dann von Jessica Chastain gespielt. Monster-Tsunamis und vereiste Wolken runden den All-Spaß ab.
Jessica Chastain in „Interstellar“ (Foto: Warner)
Es gibt zum lange herbeigesehnten Schluss dann noch einen dimensionenübergreifenden Twist, der quer durch Raum und Zeit verläuft, und vor lauter Erklärungen, was wie wann mit welcher Dimension passiert, ist man spätestens jetzt froh, dass der Film selbst nicht in 3D gedreht wurde.

„Interstellar“ geriet wie die meisten von Nolans Filmen: Er ist nicht nur lang und langatmig, sondern vertreibt in seiner Maßlosigkeit jeden Ansatz von intelligenter Auseinandersetzung mit den philosophischen Fragen, die seinem Thema zugrunde liegen. Die Besetzung stimmt auch hier nicht: Anne Hathaway als rehaugenrollende Wissenschafterin ist ebenso fehl am Platz wie Matthew McConaughey als grunzender Weltraum-Landwirt, der sich so verhält, als käme er gerade vom Dreh von „Dallas Buyers Club“.

„Interstellar“ (Foto: Warner)
Das hätte man wissen können: Wenn jemand wie Nolan nach den Sternen greift, gibt es Pathos und Pomp, gegossen in visuelle Perfektion, die mancher mit visionär verwechselt und wieder heftig applaudiert. Was es nicht gibt, ist ein guter Film.

Matthias Greuling

INTERSTELLAR
USA 2014. Regie: Christopher Nolan. Mit Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Matt Damon, Michael Caine

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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