Roy Anderssons Taube lernt fliegen

Roy Andersson hat das klug eingefädelt: Der Zuschauer seiner filmischen Aphorismensammlung über das Leben und den Tod kann niemals sicher sein, ob sich hinter der nächsten Ecke ein Drama verbirgt oder eine Komödie. Die wechselnden Protagonisten in „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ sind zunächst allesamt tragische Figuren: Es wird gelitten und verzweifelt, gesiecht und gestorben. Doch in all den 39 Szenen, die der schwedische Regisseur hier aneinander reiht, überwiegt letztlich das Komische. Ein Film wie eine Humoreske, voller bittersüßer Momente über die Komik des Tragischen. Dafür gab es heuer den Goldenen Löwen von Venedig. Jetzt startet der Film in unseren Kinos: Roy Anderssons Taube lernt fliegen.

Foto: (C) Polyfilm
Der Regisseur hatte seine filmischen Tableaus bereits in „Songs from the Second Floor“ und „You, the Living“ als unverwechselbar etabliert, und mit „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ setzt er seiner schrulligen Mixtur aus Stillleben und Nummernrevue die Krone auf.

Obwohl der Film mehr Szenensammlung und keine Erzählung im klassischen Sinn ist, führen doch zwei Hauptfiguren wie ein roter Faden durch die Geschichten: Andersson folgt zwei Scherzartikel-Vertretern durch Göteborg, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihren Kunden mit ihren Produkten zu „helfen, ein bisschen Spaß zu haben“. Sie bieten Dracula-Gebisse mit extra langen Zähnen feil, einen Lachsack haben sie auch im Programm, und eine gruselige Gummi-Maske. Mit lakonischem Ton tragen sie bei den Verkaufsgesprächen ihre immer gleichen Sprüche vor, und das klingt herrlich komisch und schrecklich ernst zugleich. Die beiden dienen Andersson als Verbindungsglied zwischen seinen beinahe schon sketchartigen Miniaturen, die sich sehr langsam zu einem Ganzen fügen. Wenn zu Beginn ein Mann durch ein naturhistorisches Museum von Exponat zu Exponat wandert, so gibt das die Struktur des folgenden Films vor: Der Zuschauer wird die kommenden 100 Minuten das gleiche tun. 39 dieser Exponate wird Andersson vorstellen, mal zeitaufwändiger, mal nur gestreift, und alle erzählen von unserem Scheitern am Leben an sich. 
Foto: (C) Polyfilm
Die statische Kamera kommt nie näher als drei, vier Meter an die Protagonisten heran, man ist ihnen somit niemals zu nahe, kann sie dennoch eingehend observieren und hat auch den Eindruck, ein Gemälde zu betrachten. Die beharrliche Kamera erzwingt eine komplexe Versuchsanordnung der Figuren im Raum. Andersson ließ sich für die Arbeit an seinem Film von Bildern von Otto Dix, Georg Scholz und Bruegel inspirieren.

Auch, wenn Andersson in „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ sich in zunehmend absurder werdenden Szenierien versteigt, so gibt es doch eine Moral, die alles überstrahlt: Komödie und Tragödie liegen in der Kunst ebenso nahe beisammen, wie im echten Leben. Und: Zum Lachen braucht es keine Scherzartikel, sondern nur echtes Drama.
Matthias Greuling

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach, S/N/F/D 2014.  Ab 25.12.2014 im Kino
Regie: Roy Andersson. Mit Holger Andersson, Nisse Westblom, Charlotta Larsson, Viktor Gyllenberg.
Dieser Beitrag ist auch in der Furche erschienen.

 
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