"Höhere Gewalt": Die Macht der Panik

Als die weiße Pulverschneewolke immer näher kommt und sich bald zu einer hausgroßen Schneewand aufbauscht, da ergreift Tomas (Johannes Bah Kuhnke) sofort die Flucht. Irgendwie erinnern diese Bilder an den Tsunami, der 2004 so viele Menschen das Leben kostete, weil sie einfach nicht schnell genug rennen konnten.
„Höhere Gewalt“ (Foto: Filmladen)

Doch Tomas ist in diesem Winter nicht nach Südostasien auf Urlaub geflogen, sondern mit seiner Familie in ein französisches Skigebiet der Extraklasse gereist. Stylische Hotels, moderne Lifte, ein Hightech-Paradies! Schneesicher und luxuriös, aber durchaus kühl und distanziert. Tomas und seine Frau Ebba (Lisa Loven Kongsli) sind mit ihren beiden Kindern aus Schweden hierher gekommen, um das Genießen zu lernen. Um den Vater endlich einmal ungestört für eine Woche bei der Familie zu haben, wie Ebba es vorwurfsvoll konkretisiert. Wenn Tomas auf sein Smartphone schaut, erntet er von Ebba eine Maßregelung.

Als Tomas dann im Panoramarestaurant mit seiner Familie die Mittagspause vom Pistenstress verbringt, ereignen sich am Hang mehrere kontrollierte Sprengungen, die zum Abgang einer Lawine führen sollen. Zunächst bietet die Panoramaterrasse noch einen scheinbar sicheren, weil distanzierten Aussichtspunkt auf dieses Spektakel, je näher jedoch die weiße Wolke kommt, desto mehr Panik tritt auf. Der fatale Fehler, den Tomas jetzt begeht, ist wohl instinktbedingt: Anstatt seine Familie zu schützen, macht er sich kurzerhand selbst aus dem Staub, während seine Frau versucht, die Kinder in Sicherheit zu bringen.

Der Schneestaub legt sich, die Menschen kehren an ihre Tische zurück, nichts passiert, alles gut, falscher Alarm. Doch nicht für Ebba: Fortan ist für sie die Beziehung zu Tomas zerstört, sie ortet einen Vertrauensbruch, ja, einen Verrat an der Familie! Tomas hingegen kann gar nicht verstehen, was Ebba hat: Es ist doch nichts passiert, und außerdem sieht er selbst die Sache ganz anders. Hier ist sie also: Die fundamentale Ehekrise. Der Urlaub: zerstört. Und mit ihm das Vertrauen.

In der folgenden Auseinandersetzung zwischen den Ehepartnern, die Ebba fassungslos und zugleich ungeniert bis in die Privatsphäre von engen Freunden des Paares trägt, bleibt kein Stein auf dem anderen.

Die Lawine dient Regisseur Ruben Östlund als Anstoß für das Psychogramm einer Männerseele; er entwirft die Gegenthese zum Mann mit Beschützerinstinkt und zeigt stattdessen einen winselnden Feigling, der sich den ihm auferlegten Geschlechterrollen nicht mehr fügen will (was ihn letztlich wieder erstarken lässt). Dass dazu Tränen gehören, ist nur eines der Symptome eines neuen Männerbildes, in dem man(n) Mut zur Feigheit braucht, um zu überleben.

Östlund inszeniert den Zustand der völligen Ra(s)tlosigkeit dieses Ehepaares mit der größtmöglichen Gefühlskälte: Seine Bilder sind streng kadrierte Szenen nüchterner Betriebsamkeit: Das französische Skigebiet gleicht einer schalen Erlebniswelt aus maschinell gefertigten Urlaubsträumen. Der Regisseur zeigt damit ganz nebenbei, dass schon diese entmenschlichte Szenerie genügen müsste, um in Panik zu geraten. Dafür hätte es keine Lawine gebraucht. 
Matthias Greuling

Höhere Gewalt, S/N/F/D 2014
Regie: Ruben Östlung. Mit Lisa Loven Kongsli, Johannes Bah Kuhnke

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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