National Gallery als Tour d’Horizon durch die Kunstgeschichte

Was haben Velazquez, Rubens, Vermeer, Leonardo da Vinci und der Mann von der Putztruppe gemeinsam? Sie alle teilen sich die selben Räumlichkeiten in der Londoner National Gallery, einem Museum der Alten Meister, aber auch einem komplexen Kunst-Betrieb, dem Frederick Wiseman, selbst ein Alter Meister des Erzählens, in seinem Film „National Gallery“ genau auf die Finger schaut.
„National Gallery“ (Foto: Filmladen)

170 Stunden Material hat der 85-jährige US-Dokumentarfilmer gesammelt und daraus eine dreistündige Tour d‘Horizon durch die Kunstgeschichte montiert; wie immer bei Wiseman entstand die Narration seines Films in mühevoller Kleinarbeit am Schneidetisch, wobei seine Schwerpunkte diesmal nicht nur in der Vermittlung einer Institution und ihrer Werte liegen (so etwas hat in Wisemans Kino Tradition), sondern noch viel mehr in der Bedeutung, die Kunst für den Menschen haben kann. Weshalb Wiseman die Gemälde in ihre Bestandteile zerlegt, sie seziert und dadurch nicht nur in die Details vieler weltbekannter Kunstwerke eintaucht, sondern auch die dahinterliegenden Geschichten freilegt. Sehr filmisch bricht Wiseman etliche Gemälde in einzelne „Shots“ herunter und inszeniert deren Geschichten so auf eine zeitgemäße Art ganz neu. Die Bühne gehört diesen Kunstwerken und jenen, die sie behüten, erklären und interpretieren. Der Mann von der Putztruppe, der den Boden wienert, gehört auch dazu.

Wiseman findet im Museumsalltag außerdem viele Szenerien, die den Konnex zwischen Kunst und Betrachter neu denken: Eine Gruppe Sehbehinderter bekommt da etwa eine Spezialführung und soll anhand von gestanzten Vorlagen Pissarros „Boulevard Montmartre bei Nacht“ erleben. Am anderen Ende dieser Verbindung steht die unbedachte Aussage einer PR-Beraterin, das Museum müsse „publikumsfreundlicher“ werden – also „dümmer“, wie es der Museumsdirektor ablehnend kommentiert.

Wiseman bewertet die Kunst, die er abbildet, nicht; er feiert sie. „National Gallery“ fordert von seinem Zuseher darob durchaus viel Sitzfleisch und Geduld – ein Museumsbesuch war allerdings noch nie so bequem zu meistern wie hier. 

Matthias Greuling

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s