1001 Gramm: Bent Hamer und die Welt der Maßeinheit

Wir wissen alle, wie das Kilo auf die Hüften gekommen ist, aber wie kommt das Kilo eigentlich auf die Waage? Also, in die Waage hinein? Will heißen: Wie weiß die Waage überhaupt, wie viel ein Kilo ist?
„1001 Gramm“ von Bent Hamer (Foto: Polyfilm)
Dafür sind die Damen und Herren vom Eichamt zuständig. Sie wiegen und wägen ab, ob etwas genau ist oder nicht. Ob etwas geeicht ist oder ob etwas nachgeeicht gehört. Wann die Nacheichung zu erfolgen hat, steht an jeder Zapfsäule. Dabei geht es allerdings nur vorderhand um die Verhinderung von Betrug durch ungenaue Abgaben von Mengen, denn beim Eichamt, oder noch besser: beim passionierten Eichbeamten geht es beinahe um ein religiöses Verhältnis zwischen ihm und dem G’wicht. Weil das hat schon was Magisches, wenn ein Kilo wirklich einen Kilo wiegt, aufs Gramm genau. Exaktheit ist Trumpf in diesem Job. Die Nachfrage „Darf’s ein bisserl mehr sein?“, die man von der Wursttheke kennt, muss dem Eichamtler wie dem Teufel das Weihwasser sein.
All das hat sich wohl auch der norwegische Filmemacher Bent Hamer durch den Kopf gehen lassen. Seine launige, skurrile und zugleich geometrisch harmonisch inszenierte Geschichte zu „1001 Gramm“ taucht ein in die Welt der Maßeinheiten und kontrastiert sie mit dem persönlichen Lebenschaos seiner Protagonistin.
Marie (Ane Dahl Torp, eine von Norwegens beliebtesten Schauspielerinnen) ist als Wissenschafterin beim norwegischen Eichamt angestellt und soll das Herzstück des Amts, den norwegischen Prototyp des Kilogramms, zur Überprüfung nach Paris bringen. Das von einer Glasglocke abgeschirmte Stück Edelmetall fällt nicht nur dem Zoll auf, sondern hat auch noch die Eigenschaft, unter Umständen an Gewicht zu verlieren. Es hängt auch davon ab, welcher „Schule“ man angehört: ob man das Referenz-Kilo nun vor der Messung reinigt oder eben nicht.
Daheim in Norwegen stirbt Maries Vater, dessen Seele verlässlich 21 Gramm wiegt, und zusammen mit den Avancen eines Parisers führen diese Umstände dazu, dass das sehr geordnete Leben von Marie bald außer Kontrolle gerät – da hebt nicht einmal die Besichtigung des Ur-Kilos von 1889, das seit 20 Jahren kein Tageslicht mehr abbekam, die Stimmung.
Bent Hamer hat in seinen Filmen „Kitchen Stories“, „Factotum“ oder „O’Horten“ einen lakonischen, komisch-verschrobenen und ästhetischen Stil eines humanistischen Erzählkinos geprägt, den er in „1001 Gramm“ konsequent weiterentwickelt – erstmals mit einer Frau als Protagonistin. Hamer gestattet sich die selbst im europäischen Kunstkino selten gewordene Langsamkeit: Mit großer Ruhe, und dazu in gestochen scharfen, klar kadrierten Bildern, lässt er seinen Figuren genug Zeit, um sie für den Zuschauer begreif- und erlebbar zu machen. Bei Hamer sieht man nur vordergründig Freaks und Fachidioten; erst bei der genaueren Betrachtung, die er ermöglicht, gelingt ein Eintauchen in ihre Innenwelt. Man nimmt sie dann plötzlich ernst. Selbst, wenn sie im Film Ernst Ernst heißen.

Drama und Komödie liegen bei Bent Hamer also nah beieinander, ja, sind hier (wie im Leben) gar nicht voneinander zu trennen. Über all dem schwebt die Erkenntnis vom Scheitern am Exakten: Das Kilo als Gewichtsreferenz ist, wie sich herausstellt, doch nur ein ungefährer Wert. Genau wie die zehn Deka von der Feinkost.

Matthias Greuling

1001 Gramm
O/D/F 2014, 91 Minuten
Regie: Bent Hamer
mit: Ane Dahl Torp, Laurent Stocker
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