Cannes 2015: Es geht um Veränderung

In Cannes möchte man in diesem Jahr gerne aus Konventionen ausbrechen. Denn so ganz klischeefrei, tolerant, weltoffen und routiniert, wie man sich hier gerne gibt, ist die Filmschau nicht. Zu lange hat man in Cannes auf die großen, überwiegend männlichen Namen der Filmgeschichte gesetzt, und dabei übersehen, dass dies auch mit Protesten gegen diese einseitige Programmierung einhergehen kann. So wie vor zwei Jahren, als man im Programm weibliche Regisseure mit der Lupe suchen musste.

Catherine Deneuve mit Emmanuelle Bercot. (Foto: Katharina SartenaI

Und so hat Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Festivals, den Altherrenclub ein wenig anderen Einflüssen geöffnet, auch, wenn man nur ein paar Spuren davon wirklich zu spüren kriegt.
Da ist zum Beispiel die Goldene Ehrenpalme für Agnès Varda, diese noch immer höchst agile alte Dame der Nouvelle Vague, deren Mitglied sie eigentlich nie war. Cannes zollt ihr erst Tribut, nachdem man Varda bereits bei anderen Filmschauen gewürdigt hat, darunter auch bei der Viennale und im Vorjahr in Locarno.
Dann gibt es in diesem Jahr gleich mehrere Filme in der offiziellen Auswahl, die von Frauen inszeniert wurden – leider ein Umstand, auf den man in Cannes gesondert hinweisen muss. Das einstige Model Maiwenn, hier schon vor einigen Jahren mit ihrem Regieerstling „Polisse“ im Wettbewerb, bringt ihre neue Arbeit „Mon roi“ mit, ebenso wie die Französin Valerie Donzelli, die „Marguerite & Julien“ im Wettbewerb zeigt. Nathalie Portman darf außerhalb des Wettbewerbs ihr Regiedebüt „A Tale of Love and Darkness“ zeigen. Und als Eröffnungsfilm erwählte Frémaux das Sozialdrama „La tête haute“ (dt. Erhobenen Hauptes), den Schauspielerin und Regisseurin Emmanuelle Bercot gedreht hat.
Normalerweise ist der prestigeträchtige Platz für den Eröffnungsfilm am ersten Abend des Festivals reserviert für bombastische Filmspektakel oder opulente Romanzen aus Hollywood, aber Frémaux ging diesmal bewusst einen anderen Weg. In „La tête haute“, der außer Konkurrenz gezeigt wird, begegnet eine Jugendrichterin dem als schwer erziehbar eingestuften Malony (Rod Paradot), der von seiner hysterischen, drogensüchtigen Mutter (Sara Forestier) vernachlässigt wird und sich darob zu einem Kind der Straße entwickelt. Früh schon stiehlt er Autos und unternimmt damit folgenreiche Spritztouren, landet in Jugendhaft und in Heimen, die helfen sollen, den gewalttätigen Burschen zu resozialisieren. Vieles an „La tête haute“ wirkt ein wenig konstruiert und klischeegetränkt, dafür agiert wiederum das Ensemble außergewöhnlich stark. Im Unterschied zu sozialer Tristesse, die solchen Filmen meist innewohnt, entwirft Bercot dann doch einen Funken lebensbejahende Hoffnung.
Wenn es dieses Jahr schon kein Blockbuster ist – die Stars gibt es am roten Teppich beim Eröffnungsfilm trotzdem: In „La tête haute“ spielt nämlich neben Forestier und Benoît Magimel auch Catherine Deneuve (als Jugendrichterin) mit. Wann immer diese große Diva des französischen Films irgendwo auftaucht, sind ihr die Titelseiten sicher.

Allein: Mit „La tête haute“ entfacht Cannes nicht unbedingt internationale Strahlkraft. Cannes, die 68., hat den Vorhang mit einem Stück Provinzkino geöffnet. Auch das ist ein Bruch mit der Konvention. 

Matthias Greuling, Cannes
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