Woody Allen und die lästigen Schauspieler

Woody Allen mit Emma Stone (l.) und Parker Posey. (Foto: Katharina Sartena)
„Ich weiß eigentlich nicht, worüber ich mit Schauspielern sprechen sollte“, sagt Woody Allen. Der 79-jährige New Yorker Regisseur hat seinen neuen Film „The Irrational Man“ nach Cannes mitgebracht, der hier außer Konkurrenz gezeigt wird. Wie immer, denn Allen mag sich und seine Arbeit keinem Wettbewerb ausgesetzt sehen. Weshalb er sich auch seine mittlerweile drei Oscars nie persönlich abgeholt hat, sondern bei der Gala stets durch Abwesenheit glänzte.
Nach Cannes ist er aber persönlich mit Ehefrau Soon-Yi angereist. Er gibt Interviews im noblen Hotel Martinez an der Croisette, das Interviewzimmer ist beinahe auf arktische Temperaturen herabgekühlt. Gerade noch saß Parker Posey im Interviewraum vor den Journalisten und lässt sich bei der letzten Frage zu ihrer Mitwirkung in „The Irrational Man“ viel Zeit. Woody Allen steht schon in der Tür und deutet ihr „Raus hier“.
Allen ist eloquent in Interviews, aber auch er will diesen Cannes-Marathon möglichst schnell hinter sich bringen, wie alle hier. Parker Posey nimmt den harschen Auftritt ihres Regisseurs gelassen, denn sie weiß: Allen hat eigentlich kein allzu großes Interesse an Schauspielern. Was er auch im Interview mit der Wiener Zeitung deutlich macht. 
„Schauspieler brauchen immer eine Ansprache, wollen einen kennen lernen, mit einem reden, aber ich denke mir: Wozu?,“ fragt Allen. „Ich habe meine Schauspieler bereits genau studiert, kenne vorab all ihre Fähigkeiten und weiß, was sie können. Sie müssen bei mir nicht zum Casting kommen und Texte vortragen. Das ist doch albern. Der Schauspieler wird nervös, weil er Angst hat, zu versagen, und ich werde nervös, weil der Schauspieler nervös wird“. Also belässt es Woody Allen bei der Besetzung seiner Filme meist bei einem kurzen Treffen, das selten länger als eine Stunde dauert, erzählt er. „Ich habe keine Freunde, die Schauspieler sind. Was sollte ich mit ihnen denn reden?“
Selbst seine „Musen“ Scarlett Johansson oder Emma Stone, die auch im neuen Film dabei ist, zählen nicht zu Allens Freundeskreis. „Ich weiß, dass Emma Stone eine fantastische Schauspielerin ist. Sie macht vor der Kamera immer alles richtig, wieso sollte ich ihr dann Anweisungen geben? Ich verzichte meistens komplett darauf“, sagt Allen. „Und privat sehe ich wirklich keinen Grund, Emma zum Essen auszuführen“.
In „The Irrational Man“ erzählt Allen von einem Literaturprofessor, gespielt von Joaquin Phoenix, der zwischen Alkohol und Depression am Leben zu zerbrechen droht, bis er die Idee hat, all dem Gerede seiner Lieblingsphilosophen endlich Sinn zu verleihen: Er will den tyrannischen Ehemann einer Frau ermorden, deren Wehklagen er nur zufällig mitgehört hat. Würde dieser Mensch nicht mehr leben, wäre die Welt ein Stückchen besser, ist der Professor überzeugt.
Eine gewagte These, der Allen aber einiges abgewinnen kann. Ist ein Mord in manchen Fällen gar zu rechtfertigen, fragen wir ihn. „Natürlich“, sagt Allen entschlossen. „Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie wüssten, dass ein Mann in einer Schule eine Bombe legt, die 500 Kinder töten könnte, und Sie ihn aber im Vorfeld erwischten und ermordeten, würden Sie das dann nicht tun? Man könnte so 500 Leben retten“, sagt Allen.
Gedankenexperimente wie dieses hat Allen in seinem Film durchdekliniert. In Joaquin Phoenix hat er jedenfalls den idealen abgewrackten, versoffenen Uniprof gefunden, der sich gegen Affären mit Studentinnen wehrt, dann aber doch mit seiner Lieblingsstudentin (Emma Stone) im Bett landet. Und auch mit Parker Posey. Die neuen Lebensgeister, die der Mord in ihm weckt, ändern sein Leben von Grund auf.
„Joaquin war perfekt, weil er auch auf mich selbst so kompliziert und umständlich und völlig fertig wirkte, wie seine Figur zu sein hatte“, sagt Allen. „Er musste gar nicht wirklich spielen, finde ich“. Womit wir wieder bei den lästigen Schauspielern wären. „Ich gebe ihnen kaum Anweisungen. Ich vertraue darauf, dass sie mir geben, was sie können. Und meistens ist für mich was dabei“, lacht er, der im kommenden Dezember 80 Jahre alt wird. „Ich werde Filme machen, solange ich gesund bin. Mein Körper verfällt zusehends, ich habe ein Hörgerät und sehe schlecht“, sagt Allen. „Aber Ideen habe ich noch mehr als genug“.

Matthias Greuling, Cannes
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