Wie macht das der Hitchcock?

Truffaut trifft Hitchcock (Foto: Festival de Cannes)

Über das berühmteste Filmbuch der Welt gibt es jetzt einen Film: Kent Jones hat ihn in Cannes vorgestellt.
1962 haben sich François Truffaut und Alfred Hitchcock, kurz, nachdem „Hitch“ seinen Film „Die Vögel“ abgedreht hatte, zu einem mehrtätigen Marathon-Interview in Hollywood getroffen. Der französische Regisseur und Mitbegründer der Nouvelle Vague war, wie viele seiner Kollegen, ein großer Verehrer von Hitchcocks „Suspense“-Kino, das zu entschlüsseln er mit diesem Interview hoffte. Herausgekommen ist eine der fundamentalsten und zugleich detailreichsten Lehrstunden über das Filmemachen: Das Buch „Truffaut: Hitchcock“, das vor 50 Jahren zeitgleich in den USA und in Frankreich erschienen war, gehört heute zur Standardlektüre jedes Filmstudenten und bildete wegen seiner Interviewform die Grundlage für weitere ähnliche Werke.
„Für Truffaut selbst hatte dieses Buch denselben Stellenwert wie einer seiner Filme“, sagt Kent Jones. Der US-amerikanische Filmemacher hat nun unter dem Titel „Hitchcock – Truffaut“ eine Doku über die Entstehung des Interviewbuches gemacht. Als Basis standen ihm dabei die Original-Tondokumente des Interviews zur Verfügung. Weshalb man in Jones‘ Film nun auch Ausschnitte aus dem Gespräch zwischen Truffaut und Hitchcock – stets gedolmetscht via Simultanübersetzung – zu hören bekommt. Sie geben dem geschriebenen Buch noch eine weitere Dimension von Lebendigkeit.
„Diese Doku sollte nicht bloß für Cinephile gemacht werden“, sagt Regisseur Jones, der den Film gemeinsam mit Serge Toubiana, dem einstigen Chefredakteur der „Cahiers du cinéma“ (Truffaut begann dort als Filmkritiker) und der Cinématheque française, realisiert hat. „Ich will dem Zuschauer vorführen, welche Kraft Kino in all seinen Spielformen haben kann“. Dabei sei Jones auch wichtig, herauszuarbeiten, dass „Hitchcock stets eine sehr klare und simple Sprache sprach, die man verstand. Er erklärt einem Kino so, als wäre es das Einfachste von der Welt“. 

Kent Jones (Foto: Matthias Greuling)


In zahlreichen Filmausschnitten – von „Die Vögel“ über „Psycho“ bis hin zu „Rear Window“ oder „Vertigo“ – illustriert Jones die Karriere Hitchcocks und lässt Truffaut und den Meister selbst zahlreiche Einstellungen analysieren. Hinzu kommen etliche zeitgenössische Regisseure, die Jones zu Hitchcock befragt hat: David Fincher, Martin Scorsese, Richard Linklater oder auch Wes Anderson versuchen eine Neu-Einordnung von Hitchcocks Werk vor dem Hintergrund moderner narrativer Strukturen.
In Cannes erhielt „Hitchcock –  Truffaut“ viel Applaus. „Es war uns ein ganz besonderes Anliegen, diesen Film in  der Reihe ‚Classics‘ zu zeigen“, sagt Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Festivals. „Zumal Truffaut und Hitchcock zwei wesentliche Figuren für diese Filmschau waren“.
Für Kent Jones ist das Buch „eines der wichtigsten Einflüsse, die es auf mich als Filmemacher gab. Inhaltlich ist es von solcher Klarheit, dass ich es Hitchcock verdanke, mir einen Weg gezeigt zu haben, Filme zu machen.“



Matthias Greuling, Cannes

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