Sorrentino verzaubert Cannes mit "Youth"

Als Paolo Sorrentino vor zwei Jahren den Oscar für seinen Film „La grande bellezza“ erhielt, da hat man dem Italiener gerne nachgesehen, dass er damit die Welt von Fellini und dem hysterischen italienischen Kino für immer zu Grabe getragen hatte, indem er hier ein vergangenes, glamouröses Zeitalter sich selbst feiern ließ, längst eingedenk des eigenen Scheiterns, das aber zumindest grandios. Hier stand Rom, die ewige Stadt, genauso im Mittelpunkt wie seine Bewohner; doch die, die bei Fellini noch tanzten und lachten, sie waren hier schon mehr verrottet als lebendig, oder in Schönheit gestorben. La grande bellezza eben.

Jane Fonda, Michael Caine, Harvey Keitel (Foto: Katharina Sartena)

Spätestens mit seinem neuen Film ist klar, dass Sorrentino der Thematik noch viel mehr hinzuzufügen hat, und zwar einiges, was über die engen Grenzen seiner Heimat weit hinaus strahlt, tief hinein ins Herz Europas, und auch tief hinein in eine lang vergangene Blütezeit, als gelungene James-Bond-Filme grundsätzlich in der Schweiz spielten, die filmischen Kunstwerke aber aus Frankreich, Schweden, vielleicht noch aus dem britischen Raum stammten. Sorrentino nennt sein Traktat über die Vergänglichkeit schlicht „Youth“, weil es von ebendieser handelt; oder zumindest vom Verlust derselben. Es gibt in diesem Film sehr viele schöne Bilder, auch schöne Körper und noch viel schönere Kontraste, und es gibt hier Einstellungen, die mit nur einer Sekunde klar machen, wie die Dinge wirklich liegen: Der dazugehörige Satz lautet „Youth is wasted on the young, before they know it’s come and gone“. Der Zuschauer kann das hier in jeder Szene entdecken. Manchmal braucht er dafür seinen Intellekt, den Sorrentino dann aber auf das Berauschendste stimuliert.
Rachel Weisz spielt Michael Caines Tochter mit Eheproblemen (Foto: Katharina Sartena)
Eingebettet in die harmonisch wirkenden Schweizer Alpen, weit oberhalb von Davos liegt das Berghotel Schatzalp, in dem Thomas Mann seinen Zauberberg schrieb. Das Luxusanwesen dient in „Youth“ als Ressort für betuchte Gequälte: Man kuriert hier die Depressionen der Reichen ebenso aus, wie ihre Lungenkrankheiten. Die Beschaulichkeit spielt Sorrentinos Suche nach vollkommener Ästhetik in die Hände. Das reduzierte Tempo des Films dient ihm als Rahmen für Bilder von Alter und Jugend, von Kontrasten und Überschneidungen, von bitteren Alpträumen und noch bittereren Realitäten. Im Zentrum steht der Komponist und Dirigent Fred (Michael Caine), lange pensioniert, der selbst hartnäckig bleibt, als ihn die Queen persönlich für ein Konzert heimholen will. Doch sein Nein soll ein Nein bleiben. An seiner Seite lebt der Hollywood-Regisseur Mick (Harvey Keitel) in dem Hotel, dessen Schaffenskraft noch ungebrochen scheint. Er eilt noch immer dem Traum vom perfekten Hollywoodfilm, von einem alles subsumierenden Vermächtnis seiner Kunst nach. Anzumerken ist: Dieser Schlag von Regisseuren ist in Hollywood so gut wie ausgestorben. Er verschwand mit Leuten wie Lumet, Pollack, aber auch Wilder. Auch Mick scheint kein Glück zu haben: Jane Fonda (die echte!) gibt ihm für seinen neuen Film einen Korb.
Paul Dano, Jane Fonda, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Michael Caine in Cannes (Foto: Katharina Sartena)
Mick und Fred unterhalten sich gerne über die Anzahl ihrer Urintropfen, die sie pro Tag noch ausscheiden können – und auch über so manch andere Alterserscheinung. Als Kontrast steckt Sorrentino ungeniert krassen Pop in Form von Paloma Faith oder der Miss Universe  in dieses aphorismenhaltige Puppenhaus voller Sehnsüchtiger, die ihre Vergangenheit immer weiter entfernt sehen, weil die Zukunft schon so knapp ist. Kontraste sind das, was diesen Film ausmachen, einen Film über das Altern, der „Youth“ heißt. Sorrentino (er)findet faszinierende Bilderwelten für seine Gegensätze und kleidet die Banalität des Alterns und des Lebenskreislaufs in opulente Hochglanzbilder voller Anmut. 
Ein Blickfang, ein Sammelsurium aus Gewesenem und Vergangenem, aus mehr Wehmut als Hoffnung; „Youth“ ist Sorrentinos grandios geglückter Versuch, der Psychologie der Endlichkeit in die Karten zu blicken; der Regisseur unternimmt den bewusst gescheiterten Anlauf, eine Bilanz des Lebens zu ziehen, in dem seine Protagonisten so lange ruhelos bleiben, solange sie selbst keine Spuren hinterlassen haben. Spuren zu hinterlassen ist eine Illusion, das wissen auch Sorrentinos Helden. Aber sie geben sich ihr nur allzu gerne hin.

Matthias Greuling, Cannes
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