"Love" in Cannes: Viel Sex um Nichts

Gleich zu Beginn von Gaspar Noés neuem Film „Love“ – ein schlichter Titel für eine noch schlichtere Liebesgeschichte mit viel Sex – gibt es auf der Leinwand echten Sex zu sehen. Mit Penis, Vulva und Ejakulation. Bilder, die selbst im Arthaus-Kino nicht alltäglich sind, weil sie als pornografisch gelten. Doch dem französischen Regisseur Gaspar Noé sind solche Genregrenzen fremd, im Gegenteil: Er hat sichtlich Spaß an der Provokation, wenngleich sie diesmal eher lauwarm ausfällt. Eine Gesellschaft, die lange schon überreizt ist von Sex in der Werbung und massenhaft Pornografie im Internet, kann Noés Geschichte kaum auf- oder erregen.

„Love“ von Gaspar Noé (Foto: Festival de Cannes)

Noé erzählt von einem Amerikaner in Paris, der hier Film studiert und sich in eine junge Frau verliebt, doch die Liaison weitet sich – typisch französisch eben – auch noch auf die ebenfalls junge Nachbarin des Pärchens aus, und die wird dann schwanger. Großes Drama, denn die „Neue“ im Bett ist nicht die große Liebe. Karl Glusman und Aomi Muyock spielen das nach Liebe dürstende Pärchen einigermaßen lustvoll (bei den Sexszenen) beziehungsweise lasch (bei den restlichen Szenen). Noé setzt bei dieser Ménage-à-trois voll auf den Schauwert. Dass junge Körper schön sein können, wissen die Cannes-Besucher ja schon aus Paolo Sorrentinos „Youth“, und könnten Michael Caine und Harvey Keitel aus ihrem Swimmingpool im Schweizer Pensionisten-Chalet hinüber spechteln in die Pariser Studentenwohnung, sie würden es vermutlich tun.

Filmplakat zu „Love“

Dennoch: Der Skandal blieb aus, und Gaspar Noé, der hier in Cannes wie ein Superstar von seinen Fans empfangen wurde, musste sich am Ende mit freundlichem Applaus zufrieden geben. „Love“ ist – anders als seine bisherigen Arbeiten – kaum geeignet für einen Skandal. „Irreversible“ hatte 2002 wegen einer unglaublich brutalen Vergewaltigungsszene in Cannes für einen Skandal gesorgt, zuletzt war Noé 2009 mit dem Drogenfilm „Enter the Void“ hier. „Love“ ist zu weiten Teilen adrett gefilmtes Sexkino, bei dem es keine großen Eklats gibt. Dass der Film in 3D gedreht wurde, fügt dem Thema kaum Tiefe hinzu, es sei denn, man findet eine Ejakulation spannend, die mitten ins Publikum geht. Anlass für die ganze Story ist jedenfalls ein geplatztes Kondom – und das ist wohl auch die Message des Films: Man muss sich einfach schützen beim Sex. Diese Haltung ehrt Noé, aber sie passt so gar nicht zu seinem Image als Provokateur.
Was am Ende bleibt, ist jedenfalls die Einsicht, dass Cannes ohne Sex nicht funktionieren würde. Pornografische Szenen sind längst im filmischen Mainstream und im Kunstfilm angekommen, sie erregen nur mehr selten wirklich Unmut. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die „Hot D’Or“-Awards, das Äquivalent der Pornobranche zur Goldenen Palme, nur bis 2001 hier in Cannes verliehen wurden: Weil Sex irgendwann alle Genregrenzen überwunden hatte, noch lange vor Gaspar Noé.


Matthias Greuling, Cannes
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