Ungelogen, ungeschnitten: "Victoria" ist der beste deutsche Film seit Jahrzehnten.

Es gibt ihn noch, den Film, von dem man nicht ahnte, dass er überhaupt möglich ist. Einen Film, der Genregrenzen ausreizt und aufbricht in eine neue Form des Erzählens und der Unmittelbarkeit. Einer, der Prinzipien des filmischen Erzählens völlig außer Kraft setzt und so tut, als wäre der Filmschnitt noch nicht erfunden. Wozu auch, wenn sich alles so wunderbar flüssig in Echtzeit erzählen lässt? In einer 140 Minuten langen Plansequenz.
Das ist „Victoria“ von Sebastian Schipper. Der deutsche Schauspieler und Regisseur hatte zuvor drei Filme inszeniert, darunter „Absolute Giganten“ (1999), und trat auch im letzten halbwegs innovativen deutschen Spielfilm auf, Tom Tykwers „Lola rennt“ (1998). Schipper spielte damals den Mann, der Franka Potente das Fahrrad klaut. Mit „Victoria“ klaut er Tykwer nun die Krone der Innovation: Mit nur einer einzigen Einstellung hat er in einer Berliner Nacht den ganzen deutschen Film revolutioniert. Er hat die banalen Infiltrate des (Privat-)Fernsehens mitsamt ihren dramaturgischen Konventionen in Grund und Boden gestampft und zeigt ihnen die Zunge.
„Victoria“ (Foto: Polyfilm)
Dabei ist die Geschichte, die Schipper erzählt, gar nichts Außergewöhnliches. Es geht um die spanische Studentin Victoria (Entdeckung: Laia Costa), die mit vier Berliner Burschen eine Nacht durchmacht; am besten wäre, den Zuschauer nun bei diesem Kenntnisstand zu belassen, damit die Kraft, mit der „Victoria“ ihn im Kinosaal treffen wird, so ungestüm wirkt, wie sie gedacht war.
Was als Partynacht mit „Sonne“ (Frederick Lau) und seinen vom Spätkauf-Bier beseelten Kumpels „Boxer“, „Blinker“ und „Fuß“ beginnt, driftet bald in eine sanfte Echtzeit-Romanze ab, die eine ganze Filmstunde lang melancholische Erinnerungen an eigene durchzechte Nächte zwischen Studenten-Fete und Schmetterlingsgefühlen wach werden lässt. Dann schwenkt die Stimmung um: Die Burschen sollen plötzlich für 50.000 Euro Beute eine Bank ausrauben, und Victoria wird einwilligen, das Fluchtauto zu lenken. Es geht schief, was nur schiefgehen kann, ein Showdown im Plattenbau gehört auch dazu. Und noch immer kein Schnitt.

22 Schauplätze rund um die Berliner Friedrichstraße grasen Schippers Figuren in 140 Minuten ab. Drei Durchläufe hat es gebraucht, bis sein Team am 27. April 2014 zwischen 4.30 und 7 Uhr Früh den richtigen „Take“ für „Victoria“ gedreht hat. Bei der Berlinale erhielt Kameramann Sturla Brandth Grøvlen einen Silbernen Bären, weil er es schafft, ständig hautnah bei der Action zu bleiben und dennoch genau weiß, in welchen Momenten er auf Distanz gehen muss. „Victoria“ hätte zudem auch den Goldenen Bären gewinnen müssen, wenigstens zollte man ihm kürzlich mit sechs deutschen Filmpreisen Tribut.
Neben der logistischen Meisterleistung des Filmteams begeistert die Besetzung: Da spielen lauter Profis, als wären sie Laien, und das ist vermutlich die größte Auszeichnung an die Authentizität, die man Schauspielern aussprechen kann.
Eine weitere Hauptrolle spielt die Stadt Berlin, und so wird „Victoria“ auch zur Neuinterpretation des Heimatfilms, dessen Aufgabe es ist, sich möglichst genau am Lokalkolorit abzuarbeiten, am Setting, in dem die Handlung platziert ist. Im Heimatfilm ist der Spielort mindestens genauso wichtig wie die Figuren. Weshalb „Victoria“ auch an der Anatomie einer Großstadt forscht und sich in dem eingefangenen Abbild auch versammelt, was Berlin ausmacht in all seinen Widersprüchen zwischen Alt und Neu, zwischen Ost und West, zwischen Tag und Nacht. Eine Wucht.

Matthias Greuling

VICTORIA
D 2015. Regie: Sebastian Schipper. Mit Frederick Lau, Laia Costa
Derzeit im Kino

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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