Edward Norton zwischen Jubel und Anspruch – Locarno 2015

Wenn jemand wie Edward Norton zu Erzählen beginnt, dann kann das dauern. Allerdings nicht, weil der smarte Schauspieler besonders viel zu erzählen hätte, sondern weil er sich sehr genau überlegt, was er antwortet. Norton gehört eher zu den besonnenen Typen. Das Schnelle, Oberflächliche, der Schmäh ist seine Sache nicht.
Die Nachdenklichkeit hat einen Grund: „Vieles in meinem Beruf hängt von den Umständen ab. Es gibt keine generellen Rezepte dafür, wie man eine Rolle spielt, sondern es sind immer die Rahmenbedingungen, die das definieren“, meint Norton. „Sei das nun der Regisseur und seine Art zu inszenieren, sei es das Drehbuch oder sei es das Kostüm, in dem man steckt. Auch ein Stück Kleidung kann mir verraten, welchen Zugang ich zu der jeweiligen Rolle finden muss.“

Foto: Katharina Sartena

Edward Norton sitzt vor einer Vielzahl an Journalisten und Schaulustigen in Locarno. Es ist Nachmittag und hat gut 35 Grad. Norton schwitzt nicht. Auch das ist, möglicherweise, Teil der Disziplin, die man als Schauspieler im internationalen Filmgeschäft braucht, um erfolgreich zu sein: Seine Schweißdrüsen zu kontrollieren, das gelingt nicht vielen an diesem Tag.
In Locarno erhielt Norton den Excellence Award eines Champagner-Herstellers. Ein Preis, der wie ein Trick für das Festival funktioniert: Ausgezeichnet werden nur hochverdiente Persönlichkeiten aus der Filmwelt, damit diese durch ihr Kommen ein bisschen Glamour ins Tessin mitbringen. Das Schweizer Filmfestival ringt seit jeher mit dem Image, zuallererst der Filmkunst ein Forum zu sein und die Welt der Stars gekonnt auszublenden. Doch auch in diesem Jahr hat es Carlo Chatrian, der künstlerische Leiter der Filmschau, geschafft, eine gut austarierte Mischung an Kunst und auch an breitenwirksamen Filmen zu bieten. Seine übergroße Bühne auf der Piazza Grande will schließlich Abwechslung, und Leute wie Norton vereinen auf geradezu magische Weise Anspruch und den Jubel der Massen.

Norton, der sein Debüt 1996 in „Primal Fear“ gab und später mit Filmen wie „Fight Club“, „25th Hour“ oder zuletzt „Birdman“ seinen Platz im Charakterfach Hollywoods fand, kennt den heiklen Balanceakt zwischen Popularität und Nischenprogramm. „Ich hatte das Glück, dass viele meiner Filme sowohl vom Publikum als auch von den Kritikern gemocht wurden. Viele trafen einfach den Zeitgeist. Man weiß beim Drehen allerdings meistens noch nicht, ob ein Film gelingt, aber bei manchen meiner Arbeiten hatte ich während der Filmerei schon das Gefühl, das wird was. Ich habe dieses Gefühl bei ‚Fight Club‘ gehabt und auch bei ‚Birdman‘, und beide Filme sind sehr gut gelaufen.“ Vielleicht ist das Instinkt.
Denn obwohl Norton sehr bedacht spricht, erweckt der 46-Jährige keineswegs den Eindruck, als gehe er verkopft an die Arbeit: „Ich habe eigentlich nie ein Problem damit gehabt, meine Rollen wieder abzulegen“, erzählt er. „Das liegt daran, dass ich fast nie eine persönliche Beziehung zu meinen Figuren aufbaue. Im Gegenteil: Ich versuche, mich da wirklich rauszuhalten und so weit als möglich zurückzunehmen. Meine Figuren haben nichts von mir.“
Das ist wohl auch ein Grund dafür, weshalb Norton in seinem Auftreten eher zu den unauffälligen Vertretern seiner Zunft zählt. Glänzen will dieser Mann nur auf der Leinwand, aber nicht privat. Allzu aufdringliche Fotografen nerven ihn. Im Mittelpunkt zu stehen, das müsste jemand wie Norton eigentlich gewöhnt sein, doch in Locarno wirkt das anders.
Gut möglich, dass Norton deshalb damit liebäugelt, in Zukunft mehr hinter die Kamera zu wechseln. Gerade ist seine zweite Regiearbeit „Motherless Brooklyn“ im Entstehen. „Als Schauspieler schadet es nicht, wenn man einmal Regie geführt hat. Man versteht dann die Nöte des Regisseurs besser“, sagt Norton in gewohnt überlegter Weise. Und legt dann doch noch einen kleinen Schmäh nach: „Ich habe dadurch gelernt, als Schauspieler nie wieder zu spät ans Set zu kommen.“
Matthias Greuling, Locarno

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