Michael Cimino: "Filme sind wie Frauen: Jede ist anders" – Locarno 2015

Darauf, dass Michael Cimino 1980 mit „Heaven’s Gate“ ein finanzielles Desaster erlebte, an dem das Studio United Artists fast zerbrach, soll man den 76-jährigen US-Regisseur besser nicht ansprechen, wird uns im Vorfeld des Interviews geraten. Cimino, diese fast tragische Figur des US-Independentkinos, ist dadurch unsterblich geworden, aber eigentlich sollte man ihn nicht mit einem Flop identifizieren (der „Heaven’s Gate“ zudem gar nicht ist; der Film erhielt 2012 – spät, aber doch – verdiente Anerkennung: einen Goldenen Löwen in Venedig) – schließlich hat der Mann für „Deer Hunter“ (1978) zwei Oscars für die beste Regie und den besten Film zuhause stehen, insgesamt fünf Oscars heimste dieses dreistündige Drama um im Vietnam gefangene US-Soldaten, die zu russischem Roulette gezwungen werden, damals ein.

Foto: Katharina Sartena


Als Cimino den Raum betritt, wird es still: Der kleine, schmächtige Mann ist dank etlicher offensichtlicher Eingriffe zu einer alterslosen Kunstfigur geworden, mit falschen Haaren, prallen Lippen und gelifteten Wangen. Man reicht ihm ein Wasser, und ein Kellner bringt einen Krug voller Eiswürfel. „Wir Amerikaner lieben Eis“, sagt Cimino, und bricht dadurch eben jenes.
Cimino gibt sich locker und erzählt mit dem Schmunzeln eines jungen Schulbuben von der Frühzeit seines Schaffens. Er berichtet, wie Clint Eastwood ihm das Drehbuch zu „Thunderbolt & Lightfoot“, seiner ersten Regiearbeit von 1974, abkaufen wollte. „Er wollte das Buch selbst inszenieren, aber ich sagte: Ich verkaufe nicht“, so Cimino. „Schließlich schlug er mir vor, drei Probetage lang zu drehen, und wenn er mit dem Material nicht zufrieden wäre, würde er mich auf dem Regiestuhl ersetzen“. Eastwood war zufrieden, und Cimino war durch den Film als junger, aufstrebender Regisseur bekannt geworden. Neben Eastwood stand auch Jeff Bridges bei dem Film vor der Kamera. „Bridges hatte nur eine einzige Funktion“, so Cimino. „Er sollte Eastwood zum Lachen bringen. Und er tat es. Es gab vor diesem Film keine Filmszene, in der man Eastwood lachen sah“.

Foto: Katharina Sartena


„Deer Hunter“ wurde in Locarno zu Ciminos Ehren auf der Piazza Grande aufgeführt, zuvor erhielt der Regisseur einen goldenen Ehren-Leoparden für sein Schaffen. „Der sieht aber nicht aus wie ein Leopard, sondern eher wie ein Hühnchen“, befand Cimino und bedankte sich.
1996 drehte er seinen achten und bis dato letzten Film als Regisseur, „The Sunchaser“ mit Woody Harrelson. Seither war Cimino, der es nach dem Flop von „Heaven’s Gate“ sehr schwer hatte, neue Projekte in Angriff zu nehmen, immer wieder als Drehbuchautor tätig und schrieb auch einen Roman. „Dabei fällt mir das Regieführen unglaublich leicht“, betont Cimino fast wehmütig. „Was wirklich schwierig ist, ist das Schreiben. Man sitzt vor einem weißen Blatt Papier und soll es mit Leben füllen“.
Das Schreiben, eine Qual? „Durchaus. Es ist immer unterschiedlich, manchmal schreibe ich nur eine Seite pro Tag, manchmal fünf. An den meisten Tagen steht eine fette Null auf meiner Liste. Das sind die schlimmsten Tage“, so Cimino. „Ich habe allerdings keinerlei Rituale beim Schreiben. Entweder es kommt, oder eben nicht“. Dabei sei vor allem wichtig, sich dem Thema völlig hinzugeben. „Jedes Projekt ist anders. Ich will es einmal so sagen: Sie haben in Ihrem Leben doch sicher mehrere Frauen kennen gelernt. Jede davon ist anders, oder? Es gibt keine, die so ist, wie die andere. Genau so ist das auch beim Filmemachen“.
Matthias Greuling, Locarno

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