Matteo Garrone erzählt das "Märchen der Märchen"

Merke: Beim Verzehr des Herzens eines Seemonsters bleiben weiße Tischdecken nicht weiß. Merke auch: Vielweiberei kann selbst einen König nicht davon abhalten, nur einer Einzigen hemmungslos zu verfallen. Merke außerdem: Insekten auf die Größe eines Hundes zu züchten, kann nicht folgenlos bleiben.

„Das Märchen der Märchen“ von Matteo Garrone. (Foto: Filmladen)

Derlei Absurditäten gibt es zuhauf, in Giambattista Basiles skurriler Welt aus Märchen, Sagen und Erzählungen. Schon seit jeher konnten die Italiener (möglicherweise ob ihrer ausschmückenden Sprache) besonders blumig erzählen, und so ist auch diese Märchensammlung aus der Feder des 1575 geborenen Neapolitaners voll solcher Beispiele. „Pentameron“, erst posthum veröffentlicht, soll sogar den Brüdern Grimm Vorbild für ihre Märchensammlung gewesen sein, und damit ist Basile wohl der Welt bedeutendster Märchenonkel.
Soweit die Vorlage. In einem italienischen Kinofilm will eine solche entsprechend opulent und, ja, irgendwie auch felliniesk umgesetzt werden, so will es schließlich das Klischee vom hysterisch wirkenden italienischen Kino, das auch sehr barocke Formen kennt, wie man hier sieht. Dazu ausgerechnet Matteo Garrone in den Regiestuhl zu setzen, ist ein Wagnis, weil der mit seinem eiskalten Mafia-Thriller „Gomorrah“ (2008) eigentlich angenehm mit italienischen Sehgewohnheiten gebrochen hat; kein Kitsch, sondern zu einem atemlosen Thriller stilisierter Realismus.
Garrone hat sich für „Das Märchen der Märchen“ also nun drei der rund 50 Geschichten Basiles ausgesucht, um sie mit internationaler Besetzung so italienisch wie möglich zu inszenieren: laut, verrückt, bizarr, verschwenderisch, stolz und von sich selbst überzeugt.
Es gibt hier einen König (Toby Jones), der lieber einen Floh züchtet, als sich um seine Tochter zu kümmern, die bald einen hässlichen Oger anschleppt. Ein anderer, sexbesessener König (Vincent Cassel) will ergründen, was es mit der Stimme einer vermeintlich hübschen Dame auf sich hat. Und Salma Hayek beißt in das Seemonster-Herz.
Das Herausragende an dieser Märchenoper voller visueller Reizungen ist Garrones schlaue Gewandtheit, mit der er klassische Erzählmuster umschifft, stattdessen niemals altmodisch traditionell wirkt, aber auch nicht oberflächlich modern. Hinzu kommt: Garrone zelebriert immer wieder das unerwartete Ableben seiner Figuren, was die Aufmerksamkeit der Zuschauer erhöht. Er beherzigt damit ein Gebot, das für alle Erzählformen gilt: Du sollst nicht langweilen.
Matthias Greuling
Das Märchen der Märchen, I/F/GB 2015 – ab 28.8.2015 im KinoRegie: Matteo Garrone. Mit Salma Hayek, Vincent Cassel, Toby Jones, John C. Reilly, Stacy Martin
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