"The Danish Girl": Die Entblätterung einer männlichen Seele

Als der Spezialist zu Gerda Wegener sagt, ihr Mann sei krank und pervers, aber vielleicht heilbar, verliert sie kurz die Fassung. Doch Einar Wegener, der dänische Landschaftsmaler, hat da längst mit sich abgemacht, welchen Weg er einschlagen wird. Er, der 1882 als Mann geboren wurde, will in Hinkunft als Frau leben und wird sich auf dem Weg dorthin mehreren, nicht immer ungefährlichen Eingriffen unterziehen, die ihm letztlich zum Verhängnis werden. 
Eddie Redmayne, Alicia Vikander, Tom Hooper (Foto: Katharina Sartena)
Lili Elbe heißt Einars neues Ich, in dem er voll und ganz aufgeht. Im Kopenhagen der 1920er Jahre ist zwar ein bisschen Toleranz und Freigeist spürbar, aber akzeptabel ist eine Transsexuelle damals ganz und gar nicht – so weit gehen die modernen Zeiten nicht. Das weiß auch Lili, weshalb sie ihr neues Ich zunächst auch versteckt ausleben muss. Sehr zum Leidwesen ihrer Frau Gerda, durch die sie das Begehren, eine Frau sein zu wollen, überhaupt erst entdeckt hat: Gerde, erst später durch ihre erotischen Gemälde bekannt geworden, hat ihren Mann gebeten, Modell zu sitzen für das Porträt einer Ballerina. Dazu musste er in Strümpfe und Schuhe schlüpfen, durfte sich das Kleid anhalten. Das hat Einar derart bewegt, dass er von diesem Moment an wusste, dass es seine Bestimmung ist, als Frau zu leben.

Eddie Redmayne als Lili (Foto: Universal)

Auf der Leinwand von „The Danish Girl“, den Tom Hooper („The King’s Speech“) inszeniert hat und der im Wettbewerb um den Goldenen Löwen in Venedig am Samstag Abend seine Premiere feierte, glänzt, ja glüht der junge Eddie Redmayne als der selbstbewusste Einar und die verschreckte Lili gleichermaßen. Redmayne hatte im heurigen Frühjahr erst den Oscar als bester Hauptdarsteller in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ erhalten, in dem er den Wissenschaftler Stephen Hawking spielt. Jetzt erweitert der überaus talentierte Mann mit den hohen Wangenknochen sein Repertoire um eine Frauenfigur, deren Fragilität und Anmut im Kino ihresgleichen sucht. Redmaynes Verwandlung in eine Frau, besonders aber der zaghafte Prozess bis zu dieser Verwandlung gelingen ihm derart überzeugend, dass die Jurys der diversen Filmpreise der kommenden Monate wohl kaum an ihm vorbeikommen werden.

Eddie Redmayne (Foto: Katharina Sartena)

Ebenso wenig wie an der Schwedin Alicia Vikander, zuletzt in „Codename U.N.C.L.E.“ im Kino zu sehen: Sie überzeugt in der Rolle der erfolglosen Malerin Gerda Wegener, die ihren berühmten Gatten erst dann künstlerisch überholt, als sie ihn als Lili porträtiert. Ein Künstlerpaar, das zunächst in Liebe geeint ist, künstlerisch voneinander profitiert und schließlich auf eine schwere Probe gestellt wird. 

Alicia Vikander (Foto: Katharina Sartena)


Regisseur Hooper inszeniert das gefühlvolle Drama in desaturierten Bildern voller visueller Tiefe und entwirft so eine Vielschichtigkeit, die die komplexe Persönlichkeit seiner Hauptfigur reflektiert. Es ist wie eine Rose, die man sanft entblättert bis zu ihrem Stiel.

Alicia Vikander (Foto: Katharina Sartena)

„Von Beginn an wollte ich, dass Eddie nicht lernt, wie man eine Frau spielt, sondern, dass er in sich geht, um die Frau in sich zu finden“, sagte Tom Hooper in Venedig. „Für mich war die Rolle eine lehrreiche Erfahrung“, meinte Eddie Redmayne. „Ich habe viele Menschen kennen gelernt, die transsexuell sind. Und ich habe alles gelesen, was ich über das historische Paar Einar und Gerda Wegener finden konnte“.
Für Alicia Vikander zählt hierbei vor allem „die außergewöhnlich leidenschaftliche Liebe, die die beiden verband. Gerda war zudem eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war, mit ihrer Arbeit wie auch mit ihrer Liebe zu Einar und Lili. Ich bewundere sie sehr und wünschte, ich hätte ein wenig von ihr in meiner Persönlichkeit“.

Eddie Redmayne mit Ehefrau Hannah Bagshawe (Foto: Katharina Sartena)

„The Danish Girl“ handelt aber nicht nur vom Aufbruch eines Mannes in sein neues Leben als Frau, sondern nimmt dies auch zum Anlass für ein Gesellschaftsporträt. Tom Hooper: „Der Bösewicht im Film ist die Dualität. Wer kein Mann war, war notwendigerweise eine Frau. Ich halte Geschlechterfragen allerdings für ein weiteres Spektrum. Der Arzt im Film möchte Einar wirklich helfen, aber es ist gefangen in einer dualistischen Welt. Es war eine schwarzweiße Welt, in der es keine Zwischentöne gab“.

Matthias Greuling, Venedig
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