Bérénice Bejo und die Schwierigkeiten Europas

Die ganze Welt kennt Bérénice Bejo als fröhlich tanzenden (Stumm-)Filmstar aus „The Artist“ (2011) ihres Ehemannes Michel Hazanavicius. Damals hatte Bejo eine Oscarnominierung erhalten, der Film wurde insgesamt fünf Mal ausgezeichnet. Jetzt ist Bejo mit ihrer ersten englischsprachigen Produktion fertig, die man „als direkte Folge meiner Oscarnominierung sehen kann“, wie sie im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“ beim Filmfestival von Venedig verrät. 
Bérénice Bejo (Foto: Katharina Sartena)
Es handelt sich um „The Childhood of a Leader“, das Regiedebüt von Jung-Schauspieler Brady Corbet, das in Venedig in der Nebenreihe „Orizzonti“ uraufgeführt wurde. In der auf Jean-Paul Sartres gleichlautenden, 1939 erschienenen Kurzgeschichte aufgebauten Verfilmung spielt Bejo die Mutter eines Jungen (Robert Pattinson), der während und nach dem Ersten Weltkrieg ein zerrüttetes Ego aufbaut, weil er mit dem Versailler Vertrag nicht einverstanden ist. Für Regisseur Corbet ist „The Childhood of a Leader“ aber keinesfalls ein Porträt des frühen Adolf Hitler. „Das heißt im Klartext: Robert Pattinson spielt nicht Hitler“, so Corbert.
„The Childhood of a Leader“ (Foto: La Biennale di Venezia)

Für Bejo ist der Film „eine unglaublich reife Arbeit“, die so mancher Filmkritiker gar mit der Qualität Michael Hanekes verglichen hat. Vielleicht nicht zu Unrecht, hat Corbet doch in Hanekes US-Remake von „Funny Games“ (2008) eine der Hauptrollen gespielt und so die Gelegenheit entstand, sich den Stil des österreichischen Meisters ein wenig abzuschauen.
„Der Film zeigt aber auch, dass ich langsam alt werde“, lacht Bejo. „Schließlich bietet man mir jetzt schon Mutterrollen an, scherzt die 39-jährige Französin mit argentinischen Wurzeln. 

Brady Corbet und Bérénice Bejo (Foto: Katharina Sartena)

Im Alter von drei Jahren übersiedelten ihre Eltern (ihr Vater ist der argentinische Regisseur Miguel Bejo) nach Paris, wo Bejo auch heimisch geworden ist. „Wir kamen damals aus einer Diktatur in eine friedliche Demokratie“, erzählt Bejo, auch vor dem Hintergrund, dass „The Childhood of a Leader“ vom Entstehen von Radikalismen handelt. „Heute ist unsere Demokratie wieder in Gefahr. Nach den Anschlägen auf die Redaktion von ‚Charlie Hebdo‘ im Januar 2015 war es ausgerechnet Marine Le Pen, die erstmals aussprach, dass es ein Problem gibt. Wieso waren Leute wie Hollande oder auch Sarkozy dazu nicht in der Lage? Man überlässt den Rechtspolitikern die Bühne und spielt ihnen so nur in die Hände“, findet Bejo. 
„Und auch, wenn man sich umsieht, in welchem Zustand Europa jetzt ist: Da ziehen Tausende Flüchtlinge über die Autobahnen, und daneben fahren die Autos vorbei, als würde sie das alles nichts angehen. Ich finde das unerträglich“. Sie selbst sei als Teil einer Einwandererfamilie groß geworden und könne die Ignoranz der europäischen Politik nicht nachvollziehen. Sie sagt das energisch, mit Nachdruck.

Bérénice Bejo (Foto: Katharina Sartena)

Aber wie viel südamerikanisches Temperament steckt da heute noch in Bérénice Bejo, und wie sehr fühlt sie sich eigentlich als Französin? „Ich weiß nicht genau. Ich sehe Paris als meine Heimat. Ich denke, wir Argentinier haben eine große Leidenschaft für Fleisch, Barbecue und Wein. Aber das haben die Franzosen auch. Vielleicht haben Südamerikaner mehr Lebenslust, oder sie zeigen sie nur einfach offener. Französische Frauen scheinen jedenfalls meistens etwas mysteriös zu sein“, lacht Bejo. „Vielleicht sollte ich auch mysteriöser sein? Aber am Ende ist es wohl keine Frage der Herkunft, sondern des Charakters, wie jemand ist und wo er sich zugehörig fühlt“. Etwas, was Bejo den europäischen Politikern vermutlich gern ins Stammbuch schreiben würde. 

Matthias Greuling, Venedig
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