Schwammiges Arthaus-Kino im Einheitslook

Ein Filmfestival ist der perfekte Ort, um Trends aufzuspüren – oder besser: Um in die Einzelleistungen von Filmemachern einen Zusammenhang zu interpretieren, der nachweislich nicht vorhanden ist, sondern nur gedacht werden kann. Darüber hinaus aber gibt ein Filmfestival wie jenes von Venedig einen Überblick, wie Künstler den Umgang mit einem Medium pflegen, das sich so dramatisch und zugleich unauffällig wie kein anderes verändert hat. Der Film, der seinen Namen seit der Ankunft des Digitalkinos nicht mehr verdient, oder ihn nur mehr als symbolische Bezeichnung trägt, ist im Umbruch, und so viel steht fest: Das viel gepriesene digitale Kino hat bei weitem nicht die Vielfalt gebracht, die man ihm gerne zuschreibt. Es hat das Filmemachen vielleicht demokratisiert, aber es hat auch einen seltsamen Einheitslook geschaffen, unter dem immer häufiger auch das so genannte Arthauskino leidet. 

„Francofonia“ (Foto: La Biennale di Venezia)

Visuelle Trends gab es im Kino schon immer, man denke an die deutschen Expressionisten, an die Nouvelle Vague, den Film Noir oder alte Technicolor-Musicals. Noch nie aber sind solche visuellen Stilmittel zufällig oder beiläufig entstanden, zumeist steckte ein mehr oder weniger raffiniertes inhaltliches Konzept dahinter. Und weil im optischen Medium Kino nichts wichtiger ist als der „Look“, kommt ihm eine besondere Bedeutung zu. Wie dem Licht in der Malerei.
Viele Filme im Programm von Venedig illustrieren das, was man den neuen Einheitslook des Arthauskinos nennen könnte. Und der ist keinesfalls inhaltlich motiviert. Viele Regisseure scheinen geradezu verliebt in die neuen, simplen Möglichkeiten digitaler Bildtechnik. Kameras mit Großformatsensoren laden systembedingt mit dem Spiel von kleiner Tiefenschärfe bei Offenblende ein, was Bilder mit unscharfem Hintergrund (Bokeh) zum mittlerweile überstrapazierten Stilmittel in Serien und auch im Kino macht. Man will „nah dran“ sein an den Protagonisten und verwechselt das immer wieder mit atmosphärischer Dichte. Der Mut zur Totale und einer in ihr stattfindenden komplexen Mise-en-scène ist vielen Regisseuren völlig abhanden gekommen (sie könnten etwa bei Godards „Le mepris“ lernen). Kombiniert mit kontrastreicher Lichtsetzung, mittellangen Brennweiten und stark reduzierter Farbsättigung führt dies zu einem beinahe schon uniformen Aussehen von Kunstfilmen: Der cleane, ultrareine Look der Bilder, völlig befreit von Filmkorn und stets mit ruhigem Bildstand: So stellt man sich das filmfreie Kino vor. Allein: Diese unzählig oft kopierte Modeerscheinung schwächt die Kraft der erzählten Geschichten gefährlich ab, und die Handschriften von Regisseuren (so vorhanden), verwässern zu einem stylish gefilmten Bildereintopf, wie man ihn regelmäßig auf Arte zu sehen bekommt. 
In Venedig sind etliche Filme im Programm diesbezüglich problematisch: Szenen aus den Wettbewerbsbeiträgen „The Endless River“ des Südafrikaners Oliver Hermanus, „Abluka“ des Türken Emin Alper, „L’attesa“ des Italieners Piero Messina, Drake Doremus’ Sci-Fi-Drama „Equals“ mit Kristen Stewart und eigentlich auch Tom Hoopers „The Danish Girl“ zeugen davon (letzterer immerhin mit Mut zum Spiel mit Tiefenwahrnehmung). US-Filme, die sich Anspruch verordnen, wie Thomas McCarthys Beitrag „Spotlight“, sehen grundsätzlich aus wie eine Folge von „House of Cards“. 
Aber es gibt sie noch, die Einzelgänger des Kinos, die nicht nur erzählerisch eigenwillig bleiben, sondern auch optisch: Der Russe Alexander Sokurov zum Beispiel hat mit „Francofonia“ die beeindruckendste Geschichtsstunde der jüngeren Zeit in ebenfalls cleane Bilder gegossen, aber sein Porträt des Pariser Louvre zur Zeit der NS-Besatzung folgt keiner Mode, sondern seine Bilder dienen der Darstellung von komplexen Zusammenhängen, sind nicht in der Tiefe vielschichtig, sondern in der Ebene des zweidimensional projizierten Filmbildes.

Vergessen scheinen die Zeiten, als das digitale Kino Mitte der 90er aufkam. Da war es wild, roh und ungestüm. Die „Dogma95“-Bewegung, filmhistorisch nicht mehr als ein genialer Marketing-Gag, zeugte damals davon, dass digitale Bilder auch schmutzig sein konnten. Für eine neue visuelle, vielleicht sogar schmutzige Revolution wäre es höchst an der Zeit. Und Sokurov sollte sie anführen.

Matthias Greuling, Venedig
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