Helmut Berger, eine Ejakulation

Als Helmut Berger, 71 und Weltstar aus Bad Ischl, im Fünf-Sterne-Hotel in Saint Tropez eincheckt, und sich im hoteleigenen Bademantel und mitsamt seinen Initialen besticktem Necessaire auf der Couch niederlässt, da stehen vor ihm aufgebaut nicht nur zahllose Medikamente und Vitamine, sondern auch vier Fläschchen Bier und eine Flasche Vodka. Berger ist auf Urlaub hier, weil er der Enge seiner Heimat über die einsamen Weihnachtsfeiertage entfliehen wollte.

„Helmut Berger, Actor“ (Foto: Andreas Horvath)

Mit ihm mitgekommen ist der Salzburger Dokumentarfilmer Andreas Horvath, 47, der Berger mit seiner Kamera für den Film „Helmut Berger, Actor“ begleitet und ein Bild von diesem geschundenen Körper und mindestens ebenso geschundenen Geist entwirft, das an Tragik und auch an Komik kaum zu überbieten ist. 
Berger im Luxushotel sieht bald genau so armselig aus wie Berger in seiner Salzburger Wohnung, nur dass das Ambiente von den Zimmermädchen in Saint Tropez ein wenig verschönert wird. „Aber bevor sie das Zimmer machen, räumen sie bitte mein Gepäck aus“, schnarrt Berger. „Und alles sichtbar hinlegen, damit ich nichts suchen muss“.
Helmut Berger ist der Star in einem Film über sich selbst; was hier abgemacht war und was nicht, weiß nur Andreas Horvath selbst, aber ein Stück weit wird bereits nach wenigen Filmminuten klar: Berger lebt nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche, überlässt nichts dem Zufall, aber alles seiner Improvisation – oder sollte man Laune sagen? Der Vorspann beginnt mit dem Titel „Helmut Berger in: ‚Helmut Berger, Actor‘“, und liefert damit schon den Hinweis, wie Horvath sein Filmporträt eines schrillen, gealterten Weltstars anlegt: Durchaus als Mischung aus Bühne und Erniedrigung, die der Regisseur bewusst in Kauf nimmt, um sich dem Objekt seiner filmischen Begierde (oftmals allzu intensiv) nähern zu können. Er muss ihn erst vorführen, um ihn zu entlarven.
Gleich zu Beginn wacht Berger in seiner Salzburger Messie-Wohnung auf, sein nackter Hintern füllt das Bild aus, und seine erste Handlung wird es sein, sich in den Fernsehsessel zu setzen, inmitten der heillos chaotischen Restbestände einer durchgesoffenen Nacht, und dort zu onanieren – das Ganze wirkt zunächst wie eine Farce, die Berger zu seiner eigenen Erniedrigung inszeniert, aber später wird klar, dass nicht alles gespielt ist, was man an diesem Filmporträt nicht fassen kann.

„Helmut Berger, Actor“ (Foto: Andreas Horvath)

Zum eigentlichen Interview über die große Vergangenheit des als Helmut Steinberger geborenen Weltstars und Visconti-Schauspielers kommt es nicht: Horvath versucht immer wieder, Berger auf die gloriose Vergangenheit zu stoßen, doch der verfällt dann schnell in ein fantasierendes Koma vom Jet Set, der nur mehr noch in seiner Erinnerung existiert. So bleibt Horvath nur das Sammeln von Bildern, von Indizien, die den seelischen Zustand des Schauspielers widerspiegeln könnten. Bilder von Visconti, seiner großen Liebe, aber auch von ehemaligen Filmpartnern wie Romy Schneider zieren seine Wände, dazwischen bröckeliger Putz und vergammelte Ecken, Ritzen, Kanten. Keine Küche, stattdessen kahler Estrich, wie auch seine Putzfrau moniert. Berger haust in einem alkoholischen Dauerrausch aus Erinnerungsfetzen, schweren Depressionen und einem unbändigen Selbstbewusstsein, in dessen Phasen er wilde Reden schwingen kann und sogar handgreiflich gegen seinen „Freund“, den Filmemacher, wird. Dem platzt dann irgendwann der Kragen: „Don’t you hit me, you fucking asshole“ schallt es nach einer durchzechten Nacht in Saint Tropez. Berger will daraufhin die Dreharbeiten abbrechen.
Überhaupt ist die Beziehung des Schauspielers zu seinem Regisseur schwer belastet, denn Berger gesteht Horvath in einem intimen Moment seine Liebe. „So, jetzt weißt du es“, sagt Berger gespielt erleichtert. „Jetzt musst du damit fertigwerden“. 
So oft Berger das gemeinsam Filmprojekt im Laufe der sich dramatisch zuspitzenden Dreharbeiten abbricht, so reuig zeigt er sich in schlaflosen Nächten, in denen er seinem „Andreas“ die Mailbox mit mal wirren, mal sehr klaren Ansagen zuquatscht. Er hat Andreas Horvath längst als einen Teil seines Lebens akzeptiert, der genauso dazugehört wie Bier und Schnaps. Nur eines hat Berger Horvath bis zum Schluss nicht zugestanden: Dass dieser Bergers Welt auch nur im entferntesten verstanden hat: „Du hast keine Ahnung von dem Geschäft, du bourgeoiser Salzburger. Du hast keine Ahnung vom Jet Set“. 
Helmut Berger hat keine Vergangenheitsbewältigung geschafft in seinem turbulenten Achterbahnleben aus Höhepunkten und Verlusten. Ein armer, alter Mann voller (Sehn-)Süchte wird da vorgeführt, keiner, der süchtig ist nach Alkohol, sondern nach Liebe, nicht nach Drogen, sondern nach Leidenschaft und Anerkennung. Und bei all dem Theater ist niemals klar, wo seine Bühne anfängt, und wo sie aufhört.
Am Ende, als Berger seinen Regisseur bittet, ihm beim tatsächlichen Onanieren mit abschließender Ejakulation als Fantasie zu dienen, löst sich die Distanz zwischen dem Filmemacher und seinem Star kurz gänzlich auf. „Der von Burt Lancaster sah genau so aus“, lacht Helmut Berger über das gute Stück von Horvath, nur um sich Minuten später unter lautem Gejohle und Gegrunze Erleichterung zu verschaffen. 

Der Schauspieler Berger hat am Ende dieses trivialen, aber intensiven Porträts kurz sein Innerstes gezeigt und musste dafür nicht einmal ein Wort sagen. Ein Blick auf das Bildnis Viscontis an der Wand hat ihm genügt. 

Matthias Greuling, Venedig
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