Adolf Hitler und die Auferstehung: "Er ist wieder da" kommt ins Kino

Adolf Hitler ist es gewöhnt, dass ihm die Massen zujubeln. Aber dieses Mal genießt er es besonders, im Mercedes durch die Straßen Berlins zu fahren und die rechte Hand auszustrecken. Die Passanten schauen verwundert, ein paar zücken ihre Kameras und Handys, ein paar strecken dem „Führer“ ebenfalls die Hand zum Gruß entgegen, die meisten aber winken und lächeln. Es ist kein verlegenes Lächeln, sondern ein herzliches. Deutschland in der Gegenwart. Der „Führer“ ist zurück.

„Er ist wieder da“ (Foto: Constantinfilm)

Diese Szenen aus „Er ist wieder da“ (ab Freitag im Kino) von David Wnendt gehören zu den interessantesten in der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Timur Vermes, dessen Satire vor drei Jahren zum herrlich politisch unkorrekten und pointenreichen Welterfolg wurde. Der Film treibt das Spiel mit der Wiederauferstehung Hitlers naturgemäß ein großes Stück weiter, weil er ihr ein Gesicht gibt.
Wnendt, der für „Kriegerin“ (2011) im rechten Milieu recherchierte und zuletzt in „Feuchtgebiete“ weibliche Körperlichkeit untersuchte, hat eine Komödie über Hitler gedreht, die so gar nicht zum Lachen ist. Das ist vielleicht ihre beeindruckendste Qualität. Denn hier wird aus dem anfänglichen Spaß über die Anwesenheit eines Mannes, der behauptet, der „Echte“ zu sein, schnell die bittere Erkenntnis gewonnen, dass die Verführung, wie sie die Nationalsozialisten einst betrieben haben, noch viel leichter als angenommen jederzeit wiederholbar scheint. Allerdings nur, wenn all die modischen Flachbildschirme keine Endlos-Kochshows mehr zeigten. Hitler wünscht sich hier ein deutlich besseres Maß an Propaganda.

Die Russen vor Berlin

Der Führer wacht im Hinterhof der Plattenbauten an der Berliner Wilhelmstraße auf. Hier stand einst die Neue Reichskanzlei, auf die er so stolz war und die er später als Namen für seine E-Mail-Adresse wählen wird, weil sein eigener Name unglücklicherweise bereits vergeben ist.
In den späten Jahren der DDR hat man hier die Luxus-Platte gebaut, in der DDR-Promis wie Katharina Witt gewohnt haben. Auch Angela Merkel hatte dort angeblich ein Apartment. Der Komplex wurde rund um den einstigen, zugemauerten „Führerbunker“ drapiert, und der soeben erwachte Hitler hat in all seiner Benommenheit nur einen Gedanken: Zurück in den Bunker und Berlin vor den Russen retten. Beim Brandenburger Tor versucht er, den Weg zu erfragen, aber die Passanten haben ihn längst als Touristenattraktion entdeckt und lassen sich eifrig mit dem „Führer“ fotografieren. Lächelnd natürlich.
Später wird Hitler von dem geschassten TV-Reporter Fabian Sawatzki (Fabian Busch) aufgelesen. Er soll ihm als Quotenbringer dabei helfen, seine Anstellung bei einem Privat-Sender wiederzuerlangen, die ihm sein Vorgesetzter Sensenbrink (Christoph Maria Herbst) gekündigt hat. Die Senderchefin Katja Bellini (Katja Riemann) erkennt in Hitler den Mega-Coup für ihren Sender und reicht ihn in alle Formate durch. Der „Führer“ darf plötzlich im deutschen Fernsehen wieder seine Reden schwingen und Volk wie Feuilleton applaudieren. Als wäre er niemals weg gewesen.
Im Schnelldurchlauf erzählt Wnendt dazwischen, was in seiner Abwesenheit geschah. Es gäbe genügend Politiker, die Hitlers Erbe verwalteten, die CSU gehöre dazu, Marine Le Pen sowieso, und auch Bilder von Jörg Haider und H.C. Strache sind zu sehen. Deutschland werde hingegen regiert „von einer Frau mit dem Ausdruck einer Trauerweide“, und der einzig mögliche Koalitionspartner bei Hitlers Wiederwahl wären „Die Grünen“: „Umweltschutz ist schließlich Heimatschutz“, erläutert Hitler. Das bringt ihm Jubel.

Hitler auf Deutschland-Tournee

Dass die Popularität Hitlers hier als dramaturgisches Element sowohl das Buch als auch den Film antreibt, ist Regisseur Wnendt bewusst. Deshalb benutzt er auch ein fragiles Konstrukt aus fiktionalen und realen Szenen, in denen er Hitler mit verschiedenen Gegenübern konfrontiert. Hitler tourt durch Deutschland, allerorts freundlich empfangen. Beim Privatsender rüstet man sich indes für einen medialen Shitstorm, der überraschenderweise ausbleibt.
„Wir sind uns einig, dass Juden kein lustiges Thema sind“, mahnt die Senderchefin einmal. „Ja, darin sind wir uns einig“, bleibt Hitler ernst. Erst als Hitler einen kleinen Hund erschießt, wendet sich das Blatt. Über die vermeintliche „Kunst“-Figur zu lachen, ist eine Sache. Aber einen kleinen Hund zu töten? „Das verzeiht die deutsche Seele nicht“, heißt es da.
Über Hitler ist im Kino schon viel gelacht worden, denn das Lachen entsprang meist einer Ironie oder Pointe, mit der man das Leid, das dieser Mann über die Welt gebracht hat, für einen kurzen Moment erträglicher gestalten konnte. Manchmal ist Humor überhaupt das einzige Mittel, mit solchen Katastrophen fertig zu werden. Charlie Chaplin hatte Hitler 1940 in „Der große Diktator“ mehrmals „Sauerkraut“ murmeln lassen, Mel Brooks spaßte mit ihm 1968, Louis de Funès wurde wegen der Erläuterung eines Kochrezeptes zu Hitler („Muskatnuss, Herr Müller!“), zuletzt witzelte sich Dani Levys „Mein Führer“ über Hitler (gespielt von Helge Schneider) kaputt. Daneben sind auch die ernst gemeinten Hitler-Auftritte manchmal unfreiwillig komisch: Bruno Ganz’ souveräne Darstellung in „Der Untergang“ (2005) hat dann und wann allzu peinlich-mitleidige Züge, da war Burgschauspieler Albin Skoda in G.W. Pabsts Filmoriginal „Der letzte Akt“ von 1955 durchwegs kantiger, entmenschlichter. Alec Guiness war in „The Last Ten Days“ (1973) eher eine Lachnummer, ebenso Anthony Hopkins in „Der Bunker“ (1981). Sie alle sind letztlich daran gescheitert, den Menschen Hitler vom Monster Hitler trennen und nur einen von beiden darstellen zu wollen. Hier hat ihnen Oliver Masucci, kein Komödiant, sondern Burgschauspieler, einen kleinen Schritt voraus: Unter der Prämisse, eine Komödie zu erzählen, zieht sich Masucci ganz darauf zurück, den Wiederauferstandenen mit viel Selbstbewusstsein als einen Unbeirrbaren, von der Vorsehung Auserwählten zu zeichnen. Hitler ist hier – so wie in der NS-Geschichtsschreibung bis 1945 – über jeden Zweifel erhaben.
Hier beginnt Wnendts Film interessant zu werden: Dass nämlich jemand von dieser Überzeugungskraft in Hitler-Montur erneut auf die Deutschen losgelassen würde, hat keiner von den Passanten erwartet, die das Filmteam in den dokumentarischen Szenen des Films befragt hat. Im Gegenteil: Die meisten stimmen diesem Kino-Hitler nach kürzester Zeit zu, dass der zu beschreitende Weg nur ein arischer sein kann. Dabei müsste es doch wie eine Ohrfeige schallen, wenn Hitler sich etwa in Bayreuth mit dem Malen von Passantenporträts als Straßenmaler etwas dazuverdient. Nein, es wird gelacht.

Wo der Hitler-Bart herkommt

Die Zeit, in der man als Hitler verkleidet wie dereinst Hubsi Kramar am Wiener Opernball sofort von der Exekutive überwältigt wurde, scheint vorbei. Dafür ist uns Hitler inzwischen offenbar viel zu vertraut, der Dauerbefassung mit dem Thema durch das Fernsehen sei Dank. In „Er ist wieder da“ wird das besonders deutlich, weil Regisseur Wnendt die Grenze zwischen Fiktion und Realität verwischt. Nicht alles hier ist „nur ein Film“.

„Er ist wieder da“ verrät aber auch Details, die man bisher nicht wusste. Adolf Hitlers Bart war ursprünglich ein hundsordinärer Schnauzer, „aber im Krieg musste ich ihn stutzen, damit er in die Gasmaske passte“. Hitler verrät auch den Grund, weshalb die Menschen ihm folgen: „Weil sie im Kern genau so sind wie ich.“ Als man Hitler am Ende wieder loswerden möchte, wird allen klar, dass das eigentlich gar nicht geht. „Sie können mich nicht loswerden, ich bin ein Teil von Euch“, sagt Hitler. Vielleicht ist das der Grund, weshalb dieser Film stark nachwirkt: weil es darin eigentlich um uns geht. 

Matthias Greuling

ER IST WIEDER DA, D 2015 (ab 9.10.2015 im Kino)
Regie: David Wnendt. Mit Oliver Masucci, Katja Riemann, Christoph Maria Herbst

Dieser Beitrag ist auch in Wiener Zeitung erschienen.
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