Benicio del Toro: „Man muss ein Egoist sein“

Es gibt wenige Schauspieler, deren Äußeres so gut miese Laune spielen kann wie er: Wenn Benicio del Toro die Stirn in Falten legt und die Augen zusammen kneift, dann will man ihm lieber nicht im Dunklen begegnen. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb man ihn häufig in Filmen sieht, in denen es um Verbrechen, Waffen und vor allem Drogen geht. Seit seinem Durchbruch mit „The Usual Suspects“ im Jahr 1995 ist del Toro immer wieder in Drogenthrillern zu sehen gewesen – etwa in „Traffic“ (2000), für den er einen Oscar als bester Nebendarsteller erhielt, oder zuletzt in „Paradise Lost“ (2014), in dem er den Drogenbaron Pablo Escobar darstellte.
Jetzt ist del Toro mit seinem knautschigen Charaktergesicht gleich in zwei neuen Filmen zu sehen: In „Sicario“ (bereits im Kino) spielt er einen Söldner, der – erraten – in einem Drogenkrieg an der Grenze zwischen den USA und Mexiko zugange ist. Und auch sein nächster Film „A Perfect Day“ (ab 30. Oktober) wird unbequem: Darin ist del Toro als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in einem Krisengebiet im Einsatz.

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celluloid: Irgendwie sind Sie in der Rollenfalle gelandet, oder? Immer diese Drogen…
Benicio del Toro: Filme sind immer auch Spiegel der Zeit, in der sie entstehen. Es ist nun mal so, dass meine Karriere mit dem Krieg gegen die Drogen zeitlich zusammenfiel, und daher habe ich wohl immer wieder in solchen Filmen mitgewirkt. Ich habe Junkies gespielt, aber auch Dealer. Ich spielte Polizisten, die den Dealern das Handwerk legen wollten. Ich kenne das Thema also von allen Seiten.

Als Schauspieler sind sie bekannt dafür, in ihren Rollen bis an mitunter auch schmerzhafte Grenzen zu gehen. Muss man Drogen konsumiert haben, um einen Junkie überzeugend zu spielen?
Natürlich spiele ich oft Figuren, die sehr dunkle Seiten haben, das geht mir schon sehr nahe. Aber die Schattenseiten des Berufs habe ich längst unter Kontrolle. Ich nehme schon lange keine Drogen mehr, nicht einmal Aspirin. Schon in der High School glaubten alle, ich wäre ein Junkie, weil ich solche Augenringe hatte. Es ist nun mal so: Ich habe diese Augenringe nun mal. Jedenfalls wäre es für die berufliche Balance nicht schlecht, zwischendurch einmal der Verführer zu sein und am Ende das Mädchen zu kriegen. Oder ein Musical zu drehen – aber leider kann ich überhaupt nicht singen.

Sie sind also kein klassischer Method Actor, der das durchleben muss, was er spielt?
Nein, und ich nehme meine Figuren auch niemals vom Set mit nach Hause. Aber es stimmt, dass ich gerne bis an meine physischen Grenzen gehe, oder auch mal darüber hinaus. Schließlich soll meine Darstellung das Publikum ja überzeugen. So erklärt sich letztlich auch die Auswahl meiner Rollen: Mich interessieren Figuren, die Ecken und Kanten haben. Ich will dreidimensionale Figuren, die lebensecht wirken und die ich verstehen kann, denen ich glauben kann, selbst wenn sie von einem anderen Planeten stammen.

Lange Zeit hat man Sie auch als Sexsymbol gefeiert.
Sex-Symbol, was ist das? Ich habe nie wirklich kapiert, was die Leute unter einem Sex-Sybol verstehen.
Damals gab es viele Lateinamerikaner, die in Hollywood Karriere machten. Vielleicht rührt das daher?
Mag sein. Als Lateinamerikaner hast du es in Hollywood bis heute nicht leicht. Als Latino startest du in Hollywood zunächst einmal aus der letzten Reihe und musst dich erst nach vorne kämpfen. Aber es ist viel passiert in den letzten Jahren, die Situation hat sich deutlich verbessert. Was auch daran liegt, dass es heute viel mehr Rollen in Filmen gibt, die mit Latinos besetzt werden.

Wie sind Sie mit dem Ruhm umgegangen, den Sie damals relativ schnell erreicht haben?
Wer am Beginn einer Filmkarriere steht, für den ist es verführerisch, sich wie Superman zu fühlen. Ich selbst habe mich davon immer gewarnt. Ich wollte die Dinge langsam angehen und nicht zuviel über die Berühmtheit nachdenken. Wenn du damit anfängst, dann glaubst du bald, ein Superheld zu sein – und dann bist du in einem Teufelskreis gefangen.

Hatten Sie ein Rezept, dem Druck in Hollywood standhalten?
Einerseits mit viel Naivität. Ich habe mich lange Zeit mit einer gewissen Grundnaivität bei Laune gehalten. Für den, der ein Problem hat, ist es am besten, gar nicht zu wissen, dass er eines hat. So lebte ich viele Jahre. Auf Dauer geht das aber natürlich nicht, denn man muss sich schon irgendwann mit der eigenen Realität und Befindlichkeit befassen. Ich meine, klar werde ich oft auf der Straße erkannt, und man will ein Autogramm oder ein Foto. Das kann auch eine Belastung sein. Aber letztlich wäre ich nichts ohne die Fans, die ins Kino gehen und ein Ticket kaufen, um mich zu sehen.

Wie haben Sie es geschafft, diese gesunde Einstellung zu entwickeln?
Dafür gibt es zwei Ansätze. Der eine lautet: So viel Selbstvertrauen wie möglich aufbringen. Der andere lautet: Sein Ego durchaus auch mal raushängen lassen. Denn Selbstvertrauen bekommt man nur, wenn man auch egoistisch sein kann. Man darf sich ruhig dann und wann auf sein Ego verlassen und es auch einsetzen. Nur übertreiben darf man nicht.

Interview: Matthias Greuling

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