Abel Ferrara: „Pasolini ist in meiner DNA“

Pier Paolo Pasolini war (Quer-) Denker und Philosoph, Filmemacher und Italiens Vorzeigeintellektueller. Bis zu seiner brutalen Ermordung am Strand von Ostia im Herbst 1975 war der offen homosexuell lebende Künstler aber auch ein Störenfried für die Mächtigen, gegen die er recherchierte. Weshalb sich bis heute viele Mythen und Verschwörungstheorien um sein Ableben ranken, darunter auch die These, Pasolini sei einem Auftragsmord zum Opfer gefallen, weil er über eine Verstrickung des italienischen Staates in Terroranschläge recherchierte.

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Bewiesen ist das alles nicht, und der New Yorker Filmemacher Abel Ferrara, der der Filmgeschichte selbst einige Kunstwerke schenkte, unternimmt in seinem rauschenden „Pasolini“ (ab Freitag im Kino) erst gar nicht den Versuch, den Mord aufzuklären. Stattdessen setzen er und ein nachdenklich und kämpferischer Willem Dafoe in der Rolle Pasolinis dem Filmemacher ein Denkmal, das nicht nur voller Anmut, sondern auch voller Tiefe ist. Ferrara folgt Pasolini die letzten 24 Stunden vor seiner Ermordung und zeigt ihn zwischen Interviewterminen, Vorbereitungen auf einen neuen Film und banaler Triebbefriedigung.

„Pasolini“ ist der metaphernschwangere Versuch, sich diesem Künstler anzunähern, seine Welt(bilder) zu verstehen, die (nicht nur) im Italien der 70er Jahre angeeckt haben mussten. Ein scheinbar furchtloser Intellektueller, der sich bei den einfachen Menschen auf der Straße wohler fühlte als in den Kreisen der von ihm verhassten Bourgeoisie. Pasolini, der Aufgeklärte, der Journalisten mit einer gewissen Schulmeisterlichkeit gerne seine Ideen vom gesellschaftlichen Zusammenleben diktierte, zugleich auch vor dem drohenden Untergang warnte – ihm ist dieses würdige Filmdenkmal gewidmet.

(C) Foto: Katharina Sartena
Abel Ferrara (r.) mit Willem Dafoe

„celluloid“: Mr. Ferrara, wieso entschieden Sie sich dafür, vom letzten Tag im Leben Pasolinis zu erzählen?

Abel Ferrara: Man hätte viele verschiedene Filme über ihn drehen können. Pasolini war eine große Nummer damals. Einer der ganz berühmten Intellektuellen Italiens, er schrieb in den wichtigsten Magazinen und Zeitungen, war selbst Herausgeber und ein Star unter Journalisten. Das wäre ein ganz eigener Film gewesen. Seine Homosexualität ebenso. Oder auch, dass er einer der wichtigsten Geburtshelfer des italienischen Kinos war. Man muss bei einem solchen Film natürlich zuallererst versuchen, den Fokus auf sein Subjekt zu finden. Willem Dafoe und ich drehten zuvor schon „4:44 – Last Day on Earth“, eine Geschichte, die sich ebenfalls in nur 24 Stunden zuträgt. Wir empfanden dieses Format und diesen Rahmen als ideal, und deshalb wollten wir das auch bei „Pasolini“ versuchen.

Welche Bedeutung hat Pasolini für Ihr Selbstverständnis als Filmemacher?

Pasolinis Filme sind in meiner DNA! Ich sah „Decameron“ mit 20, ich habe seine Filme regelrecht aufgesaugt. So wie Fellini, Antonioni, Bertolucci, Rossellini. Das ist in Wahrheit der einzige Weg, wie man ein Filmemacher werden kann. Mit Pasolinis Tod endete für mich diese Welle von großen italienischen Filmemachern. Seine Filme sind trügerisch simpel und haben zugleich so viele Deutungsebenen. Die Freiheit des Regisseurs, die Attitüde, sich in seiner künstlerischen Arbeit von nichts und niemandem stoppen zu lassen, die Kontroversen, die Absurditäten, die sein Leben ausmachten – all das ist für mich wie die Blaupause für einen Filmemacher. Er ist ein bisschen wie der Messias für Filmemacher. Ein bisschen wie Jesus.

(C) Filmladen
Filmstill aus „Pasolini“

Sie erzählen Pasolinis Ende im Film ziemlich simpel und ohne jegliche Spekulation.

Weil mir das nicht wichtig ist. Im damaligen Italien, in dem es möglich war, einen Präsidenten zu entführen, ihn wochenlang in einer Wohnung gefangen zu halten und ihn dann zu ermorden (Aldo Moro, Anm.), ist es wahrscheinlich unmöglich, die Mörder Pasolinis zu finden. Außerdem würde ihn das nicht wieder lebendig machen, also ist es mir egal. Was steckt wirklich dahinter? Meine Recherchen haben mich zu der Anschauung gebracht, dass Pasolini von dem Auto getötet wurde, das ihn überfuhr. Nicht von den Schlägern, die ihn anschließend zusammengeschlagen haben. Hat ihn der Fahrer absichtlich überfahren, oder war es, weil es Nacht war und er nicht mit dem Auto umgehen konnte? Das werden wir nie wissen. Warum sollte man rund um Pasolinis Tod eine Verschwörungstheorie aufbauen? Warum sollte man sein Leben verschleiern, um auf seinen Tod zu fokussieren? Ich würde niemals einen Film drehen, der „Wer hat Pasolini getötet?“ heißt. Ich bin kein Ermittler.

Inwieweit ist „Pasolini“ auch ein Spiegel der Zeit, in der er spielt?

Man muss sich gar nicht in die Zeit von 1975 zurückversetzen, um diese Geschichte zu verstehen. Ich denke, man könnte einfach ganz unbedarft an den Film rangehen und sehen, dass es da um diesen intellektuellen Filmemacher geht, der ein schnelles Auto fährt, aber mit diesem am liebsten rund um den Bahnhof kreist und 15-jährige Stricher mitnimmt. Ich konnte mir Willem Dafoe gut in dieser Rolle vorstellen. Oder besser gesagt: Eine solche Seite gibt es ja in jedem von uns.

Sie drehten zuletzt vermehrt Filme mit sehr kleinen Budgets. Gerät das Independent-Kino zunehmend unter Druck?

Wer einen neuen Film macht, rollt einen schweren Felsbrocken den Hügel hinauf. Letztlich bestimmt der Dschungel da draußen, welche Filme gemacht werden, und welche nicht. Als ich jung war, wollte ich das nicht glauben. Ich versteifte mich oft, ganz nach dem Motto: „Dieser Film, oder keiner!“ Aber wenn man ein Gambler ist, muss man wissen, wie man seine Karten tauscht. Ich bin nicht reich: Mein Bankkonto könnte keinen Film finanzieren. Aber ich würde auch nicht dafür sterben, ein bestimmtes Projekt machen zu dürfen.

Für Sie als Independent-Filmemacher sind Stoffe wie „Pasolini“ vermutlich durchaus komfortabel finanzierbar, oder?

Das denken Sie! Im Fall von „Pasolini“ war die Finanzierung sehr aufwändig: Er ist eine italienische Ikone, aber zunächst wollte keine italienische Institution den Film unterstützen. Wir hatten schon Geld aus Belgien und Frankreich, aber ich sagte: Ich drehe diesen Film nicht ohne italienisches Geld. Ich lebe in Italien, Pasolini war Italiener, das ist doch lächerlich und peinlich, wenn man so ein Vorhaben nicht unterstützt. Schließlich musste ich mir die Gelder hart erkämpfen – man sieht zu Beginn des Films, wie viele unterschiedliche Förderstellen daran mitgewirkt haben. Ein Film wie dieser brauchte 22 Förderstellen – unglaublich eigentlich!

Dafür ist das Ergebnis exzellent. Mit „Pasolini“ haben Sie wirklich zu alter Form zurückgefunden.

Danke. Ich bin auch voller Tatendrang. Wissen Sie, seit ungefähr fünf Jahren bin ich vollkommen clean. Glauben Sie mir, bisher sah ich mein Leben noch nie so klar vor mir wie jetzt. Von einem Leben mit Alkohol und Drogen zu einem Leben ohne das Zeug ist es wirklich ein 180-Grad-Schwenk. Und das bleibt jetzt auch so. Ich bin Buddhist und als Buddhist kann man nicht trinken.

Interview: Matthias Greuling

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