Vom Ende der Jugend

Philosophisch und humorvoll geht es in Paolo Sorrentinos neuem Film „Ewige Jugend“ (ab 27.11. im Kino) zu. Wir trafen den Regisseur zum Gespräch.

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„Ewige Jugend“ (Foto: Filmladen)

Paolo Sorrentino hat nach seinem Oscar für „La grande bellezza“ weiter geforscht an der Schönheit und ihrer Vergänglichkeit. Sein neuer „Ewige Jugend“ handelt vom Verlust derselben. Eingebettet in die harmonisch wirkenden Schweizer Alpen liegt das Berghotel Schatzalp, der Schauplatz von Sorrentinos Geschichte. Das Luxusanwesen dient als Heil-Ressort für Betuchte: Man kuriert hier ihre Depressionen und Lungenkrankheiten aus. Im Zentrum steht der Komponist und Dirigent Fred (Michael Caine), lange pensioniert, der selbst unnachgiebig bleibt, als ihn die Queen persönlich für ein Konzert heimholen will. An seiner Seite lebt der Filmregisseur Mick (Harvey Keitel), der noch immer den Traum vom perfekten Hollywoodfilm träumt. Mick und Fred unterhalten sich gerne über die Anzahl ihrer Urintropfen, die sie pro Tag noch ausscheiden können. Als Kontrast steckt Sorrentino ungeniert krasse Popmusik und schräge Figuren – von Paloma Faith über die Miss Universe bis hin zu Diego Maradona und Jane Fonda – in dieses aphorismenhaltige Puppenhaus voller Sehnsüchtiger, deren Zukunft immer knapper wird. Ein Film über das Altern, der „Ewige Jugend“ heißt: Hier geht es zuallererst um die Kontraste im Leben.

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celluloid: „Ewige Jugend“ ist eine intelligente Auseinandersetzung mit der Lebenszeit. Woher stammt die Idee zu diesem Film?

Paolo Sorrentino: Für mich ist die Zeit als solche das ideale Thema für einen Film. Den Lauf der Zeit in einer linearen Erzählung zu behandeln, empfand ich als spannend. Weil man sich permanent die Frage stellt: Wie viel Lebenszeit ist schon vergangen, wie viel wird mir noch bleiben? Das fragt sich doch jeder.

Der Film hantiert viel mit Kontrasten. Wieso war Ihnen das wichtig?

Für mich geht es eigentlich um die Freiheit. Ich will zeigen, dass das Gefühl von Freiheit, das man als junger Mensch hat, auch im Alter existieren kann. Es muss kein Widerspruch sein, sich alt und frei zu fühlen. Ich finde diesen Ansatz ziemlich optimistisch, und durch die Kontraste im Film habe ich ihn zu unterstreichen versucht.

Viele Kritiker meinten, „Ewige Jugend“ erinnere sie frappant an Fellinis „8 1/2“. Was sagen Sie dazu?

Ich finde, manche Kritiker haben einfach zu viele Filme in ihrem Leben gesehen. Ich kann Ihnen sagen: Mein Film ist nicht in Anlehnung an „8 1/2“ entstanden. Dort war der Protagonist ein noch relativ junger Mann von 40 Jahren, der entspannt in die Zukunft blicken konnte. In „Ewige Jugend“ sind die Protagonisten schon sehr alt, ihnen bleibt nicht mehr viel Zeit auf der Welt, und daraus habe ich einen vielleicht sogar komödiantischen Versuch gemacht, wie Menschen damit umgehen, wenn sie in ihre eigene Zukunft blicken – und auch, wie es ist, wenn sie versuchen, die Realität zu beschönigen.

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Besonders beeindruckend ist die Bildsprache, die Sie mit Ihrem Lieblingskameramann Luca Bigazzi entwickelt haben.

In diesem Fall hatte ich die Geschichte und die Figuren bereits fertig entwickelt, stand aber völlig ohne visuelles Konzept da. Erst als ich einmal durch diese zauberhafte Umgebung reiste, mitten in den Schweizer Alpen, war mir plötzlich klar, dass ich mein Setting gefunden hatte. Wo, wenn nicht hier, ließe sich ein Lebensabend in aller Stille verbringen? Aber prinzipiell starte ich meine Filme immer von den Figuren ausgehend und entwickle erst danach den Rest.

Vor Ihrer Kamera versammeln sich etliche Legenden: Von Michael Caine über Harvey Keitel bis hin zu Jane Fonda. Hatten Sie diese Besetzung bereits beim Schreiben im Kopf?

Ich dachte beim Schreiben nur an Michael Caine, die übrigen Rollen habe ich erst im Nachhinein besetzt. Doch ich dachte nie, dass Michael bei dem Film mitmachen würde. Aber nachdem ich ihm das Script geschickt hatte, rief er mich drei Tage später an und sagte zu!

Wie kam denn Diego Maradona in den Film?

Ich wusste, dass Maradona im Hotel Henri Chenot eine Entgiftungskur machen wollte. Ich dachte: Genau dieses Bild will ich sehen, wie er da sitzt und eine Kur macht! Sie müssen wissen: Maradona gehört zu meinen Kindheitserinnerungen. Solange er beim FC Napoli spielte, schwänzte ich an den Tagen, an denen er trainierte, immer die Schule. Ich musste ihn einfach haben für diesen Film.

Die Komposition der Bilder in Ihren Filmen lässt erahnen, dass Sie ein großer Ästhet sind. Stimmt das?

Ja, und das hat vor allem mit der Verbildlichung von Leidenschaft zu tun. Jede Kunstform hat ihren ganz speziellen Zweck, und ich glaube, das Kino ist für die Leidenschaft zuständig. Deshalb glaube ich nicht, dass Filme die Gesellschaft kritisieren sollten. Auch, wenn es genügend Regisseure gibt, die das mit ihren Filmen sehr erfolgreich gemacht haben. Aber das Kino sollte lieber unsere Idee von Leidenschaft erneuern, anstatt zu kritisieren.

Wieso glauben sie das?

Ich weiß es nicht, aber die meisten Filme, die mir gefallen, haben mit dieser Idee zu tun. Im Film gibt es keinerlei Leerstellen, immer muss alles in Bewegung bleiben, um der Leidenschaft gerecht zu werden. Das trifft im Übrigen auch auf die Musik zu.

Wie haben Sie eigentlich Jane Fonda überzeugen können, eine Diva zu spielen?

Sie besitzt sehr viel Selbstironie und wollte mit diesem Diva-Mythos spielen. Außerdem hat sie ihre Performance an eine reale Schauspielerin angelehnt, was ich mit ihr zuvor besprochen hatte. Ich kann Ihnen aber nicht verraten, wer dafür Pate stand, schließlich will ich nicht ins Gefängnis.

Das Gespräch führte Matthias Greuling

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