Spielberg im Kalten Krieg

Wenn Ideale aufeinanderprallen, dann hat dies nach Meinung von Steven Spielberg möglichst effektvoll zu geschehen. Schon immer war Spielberg, das einstige „Wunderkind“, das den Begriff „Blockbuster“ wie kein anderer prägte, vom großen Auftritt, von der fantastischen Bilderflut begeistert, und auch mit zunehmendem Alter und der Hinwendung zu ernsteren Stoffen hat Spielberg nicht verlernt, sich und sein Publikum vom Pathos übermannen zu lassen.

Sein neuer Film „Bridge of Spies“ ist wieder so ein Beispiel. Hatte Spielberg in „Lincoln“ 2012 gezeigt, wie man sich angemessen düster einer düsteren Zeit nähern kann, so stellt er diesmal trotz aller Ernsthaftigkeit auch schwarzen Humor aus (der aus der Feder von Joel und Ethan Coen stammt, die das Drehbuch schrieben), ebenso wie Heldenpathos und eine simple Zweiteilung der Welt in „Wir sind die Guten“ (also die USA) und den sogenannten „Rest der Welt“.bridgeofspielberghanks

Spielberg erzählt die von wahren Ereignissen inspirierte Geschichte des New Yorker Anwalts James Donovan, galant-leichtfüßig verkörpert von einem famosen Tom Hanks, der den Feinsinn des Drehbuch-Humors entsprechend in den Film übersetzt.

Donovan verpflichtete sich 1957, die Verteidigung des aufgeflogenen russischen Spions Rudolf Abel (stoisch: Mark Rylance) zu übernehmen, doch im Amerika der McCarthy-Ära will jeder Abel hängen sehen. Donovan erwirkt hingegen eine lange Freiheitsstrafe, die er auch deshalb erreicht, weil man hinter vorgehaltener Hand bereits damit rechnet, Abel dereinst als Tauschobjekt zu benötigen; nämlich dann, wenn einmal ein US-Spion in russische Gefangenschaft geraten sollte.

Und so kommt es auch: 1960 schießen die Sowjets ein US-Aufklärungsflugzeug vom Himmel. Der gefangen genommene Pilot Francis Gary Powers wird darauf in der UdSSR zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die CIA beauftragt nun Donovan, ins nasskalte Berlin zu fliegen, um dort 1962, als der Mörtel der Mauer noch gar nicht richtig trocken war, mit den Russen den Tausch zu verhandeln, der schließlich auf der Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam über die Bühne geht.

Die erste Hälfte von „Bridge of Spies“ inszeniert Spielberg als wortlastiges Gerichtsdrama, das kompakt und zielstrebig vorankommt und launige Momente parat hält. In Hälfte zwei jedoch, wenn Donovan mitten im Kalten Krieg ins noch viel kältere Berlin reist und ihm von halberfrorenen ostdeutschen Rabauken im Schneegestöber der edle Saks-Mantel von der Fifth Avenue, sagen wir, „abgenommen“ wird, kippt „Bridge of Spies“ in den Romantisierungsmodus; immer dann, wenn Hollywood Geschichte inszeniert, die außerhalb von US-Territorium stattfand, bekommen die Bilder diesen seltsamen Touch einer nachgebauten Miniaturwelt, in der Gut und Böse ihre Sätze in übertrieben akkuratem Fake-Dekor aufsagen. Auch Spielberg kratzt die Kurve zum Realismus nicht, sondern füllt den Film unnötig mit Pathos in Spielzeugeisenbahn-Optik. Schade, denn der Film hatte vielversprechend begonnen, mündet schließlich aber in einen Showdown, den man sonst eigentlich vom Western kennt.

Wenn sich Russen und Amis nachts an einer Brücke in die Augen sehen und die Scharfschützen aufeinander richten, dann ist dieses Aufeinanderprallen der Ideale ganz nach Spielbergs Geschmack. Hinterher wird man das Gefühl nicht los, er hätte den ganzen Film nur deshalb gedreht, um uns am Ende dieses eine Bild zeigen zu können, in dem zumindest für die Guten alles besser wird.

Matthias Greuling

BRIDGE OF SPIES – Ab 27.11.2015 im Kino
USA 2015. Regie: Steven Spielberg. Mit Tom Hanks, Mark Rylance
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