Die Überwindung des Klischees

„Ich und Earl und das Mädchen“ ist eine Coming-of-Age-Komödie, die eigentlich nicht lustig sein will.

Wie schafft man es, ein Klischee zu umschiffen? Indem man es exzessiv benutzt und im selben Atemzug kritisch kommentiert. Nach diesem Prinzip funktionieren Komödien, die ihren Humor aus Zynismus und Sarkasmus gewinnen, weil sie mit bekannten Vorurteilen (also Klischees) spielen und sie letztlich benutzen, um daraus ihren Witz zu beziehen.

Funktioniert das aber auch im weiten Feld von Coming-of-Age-Komödien, die eigentlich Dramen sein wollen und zugleich auch noch eine allgemeingültige Bestandsaufnahme popkultureller Phänomene und eine Sammlung von Codes moderner Jugendkommunikation? „Ich und Earl und das Mädchen“ von Alfonso Gomez-Rejon versucht, diese Pole auszuloten und kombiniert zynische und lebensbejahende, dystopische und optimistische Gedankenwelten. All das um eine hochemotionale Geschichte drapiert, in der gestorben wird, aller Lebensbejahung zum Trotz.

Im Mittelpunkt steht der 17-jährige Greg (vortrefflich besetzt: Thomas Mann), der in seiner High School am liebsten nirgends aneckt und es sich irgendwie gut mit allen steht – was auch dazu führt, dass man ihn kaum wahrnimmt. Sein einziger Freund ist Earl (RJ Cyler), mit dem er schon 42 Kurzfilme gedreht hat, stets in süffisanter Nachahmung der großen Werke der Filmgeschichte: Zum Beispiel „The 400 Bros“, „Sockwork Orange“, „MonoRash“ oder ganz besonders lustig: „Eyes Wide Butt“.

Frauen sind gefährlich
Gomez-Rejon schildert das Aufwachsen außerhalb der großen Metropolen der USA als beschaulichen Identitätsfindungsprozess, bei dem die besorgten Eltern für den Sohnemann immer gute Ratschläge und College-Empfehlungen parat haben, während die Gefahr für den Teenager eigentlich darin besteht, dem allseits beliebten, sexy Schul-Babe zu entkommen, das neckisch seine Hand auf Gregs Schulter legt, wenn es etwas von ihm braucht. An dieser Stelle folgt stets eine Stop-Motion-Animation (Wes Anderson lässt grüßen): Ein Elch trampelt eine Maus zu Tode; genau so sieht Greg nämlich die Frauen: als Gefahr, als Elch von rechts.

Fehlt noch die dramaturgische Triebkraft. Die schlägt in Form einer leukämiekranken Mitschülerin ein (was der Originaltitel „Me and Earl and the Dying Girl“ vorwegnimmt): Rachel (Olivia Cooke) akzeptiert die Krankenbesuche von Greg erst, als dieser ihr versichert, das alles nur auf Wunsch seiner Mutter zu machen und nicht aus Mitleid. Dennoch ist es unnötig zu erwähnen, dass die beiden sich über die nun folgenden Monate stetig näherkommen, je aussichtsloser Rachels Überlebenskampf wird.

Das Klischee von eben jenem Kampf, der in Hollywood meist gewonnen wird, im vorliegenden Independent-Kino hingegen meist nicht, macht den Unterschied aus zwischen einem Blockbuster-Drama und einem Sundance-Gewinnerfilm wie „Ich und Earl und das Mädchen“, der heuer den Großen Preis des Festivals und den Publikumspreis erhielt. Dass Gomez-Rejon anspruchsvolles Independentkino erfolgreich mit Crowd-Pleaser-Fähigkeit verbindet, ist eigentlich auch ein Riesenklischee. Nur tritt der Regisseur dank etlicher feinsinnig formulierter Dialoge, dutzender zum Schmunzeln anregender Reminiszenzen an die Filmgeschichte und angenehm unaufgeregten, weil humorvollen Umgang mit dem US-Schulalltag einen großen Schritt durch dieses Klischee hindurch. Am Ende dreht sich dieser Film um Freundschaft, die spätestens in der Schlussszene auch etwas sehr Haptisches bekommt; ein Gefühl, das im digitalen Zeitalter schon längst vergessen schien. Aber auch das ist nur ein Klischee, da sind wir uns nun sicher.

Matthias Greuling

ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN – ab 4.12. im Kino
USA 2014. Regie: Alfonso Gomerz-Rejon. Mit Thomas Mann, Olivia Cooke

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