Brillant übertüncht

Regisseur Todd Haynes ist ein Meister, und zwar in Hinblick auf die Detailgetreue in seinen Filmen. Das bringt etliche Probleme mit sich: Einerseits bekommen seine überaus akkuraten Schilderungen aus vergangenen Tagen dadurch den Flair einer allzu gekünstelt rekonstruierten Wirklichkeit, die wirklicher ist als das geschönte Bild der Erinnerung an diese Zeit. Andererseits dienen ihm seine opulenten Dekors und eleganten Bilder allzu oft der Überdeckung dramaturgischer Leerstellen, die er sonst auch gerne mit brillanten Darstellerleistungen übertüncht.

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Mit „Carol“ hat Haynes nun einen ausgesprochen edlen Film gedreht, der genau unter den geschilderten Problemen leidet: Grandiose Schauspieler und wunderschön fotografierte Bilder eins 50er-Jahre-Settings können nicht darüber hinweg täuschen, dass dem Drama etwas Entscheidendes fehlt: Eine stringente Dramaturgie, deretwegen man „dabei“ bleibt.

„Carol“ ist eine klassische Lovestory, allerdings in etwas unkonventionellem Rahmen: Hier liebt eine Frau nämlich eine Frau – und das ist im Amerika des Jahres 1953 alles andere als in Ordnung. Sittenwächter und Moralapostel haben in dieser Gesellschaft mehr zu sagen, als füreinander bestimmte Herzen. Homosexualität ist damals schlichtweg ein Tabu.

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Cate Blanchett spielt die Titelfigur Carol, eine bildschöne und kluge Dame der wohlhabenden New Yorker Gesellschaft. Ihre Leidenschaft entflammt, als sie der jungen, scheuen und etwas spröden Therese (Rooney Mara) begegnet. Carol und Therese wissen schon im ersten Moment ihrer Begegnung, dass sie ihre Zuneigung ausleben wollen. Und sie wissen auch, dass sie dadurch einen schweren Weg auf sich nehmen.

Die Vorlage zu dieser Liebesgeschichte stammt von Patricia Highsmith, die als Thriller-Autorin weltberühmt wurde. Der Roman erzählt ihre persönliche Liebesgeschichte zu einer anderen Frau. Highsmith hielt den 1950 verfassten Text erst lange unter Verschluss, weil sie ihre lesbischen Neigungen nicht preisgeben wollte.

„Carol“ erzählt diese Liebe mit viel Leidenschaft; am besten ist der Film in den dramatischen Szenen, in denen die Männer der beiden liebenden Frauen sie zur Umkehr mahnen; hier steckt der Zuschauer plötzlich mit den Frauen unter einer Decke, denn er hat für sie Partei ergriffen.

Dazwischen aber zeigt sich Haynes nicht nur verliebt in seine beiden hervorragenden Darstellerinnen Rooney Mara und Cate Blanchett, sondern auch in die Rekonstruktion einer Zeit, die ein bisschen wie eine Reklame-Sendung daherkommt, so idyllisch sind die Bilder.

„Carol“ dürfte bei den bevorstehenden Oscars eine wesentliche Rolle spielen, schade ist jedenfalls, dass Haynes sich nicht ebenso genau in die Erzählung der Geschichte stürzt wie auf seine Ausstattung und seine Requisiten. So bleiben am Ende viele schöne Bilder im Kopf. Aber das ist ja auch schon was.

Matthias Greuling

CAROL- ab 17.12. im Kino
USA/GB 2015. Regie: Todd Haynes. Mit Cate Blanchett, Rooney Mara

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