The Hateful Eight: Tarantinos Western über das Heute

Im Grunde ist jeder Film von Quentin Tarantino ein Western, weil sich dieser amerikanische Ausnahmeregisseur mit seinen Figurenkonstellationen gerne auf dem Terrain bewegt, das man aus dem Westerngenre kennt: Es gibt schweigsame Outlaws und coole Gangster, gebrochene Revolverhelden und sadistische Bösewichte, epische Settings und Trash-Dekor aus den 70ern. Von „Pulp Fiction“ über „Kill Bill“ und „Inglourious Basterds“ – sie alle waren in gewisser Weise Western, in denen Gut und Böse zwar oft sehr nahe beieinander lagen, jedoch immer klar voneinander getrennt waren.

THE_HATEFUL_EIGHT_SBgr02Seit „Django Unchained“, Tarantinos blutiger Aufarbeitung der Sklaverei, hat auch die optische Form des Westerns sein Werk erreicht. Der neue Film „The Hateful Eight“ zeigt Tarantinos Lust am Ausstaffieren von breitwandigen Bildern mit den raubeinigen Gesichtern und rüpelhaften Gestalten einer Nation, die das Gehabe vom „Wilden Westen“ bis heute nicht abgelegt hat; insofern ist „The Hateful Eight“ auch ein zeitgemäßer Film. Vor allem, weil es darin um die Spielformen von Rassismus nach dem Ende der Sklaverei geht.

Tarantinos acht Protagonisten sind als Figuren höchst ambivalente Charaktere, weil sie sich eben nicht so ohne weiteres in Gut und Böse einteilen lassen. Das macht „The Hateful Eight“ auch zu einem Genre-Experiment, denn üblicherweise sind die Rollen im Western sonst ziemlich klar verteilt.

Es geht um die vier Insassen einer Postkutsche: einen schwarzen Kopfgeldjäger (Samuel L. Jackson), einen weißen Kopfgeldjäger (Kurt Russell), dessen Beute (Jennifer Jason Leigh) und einen Typen (Walton Goggins), der vorgibt, ein Sheriff zu sein. Sie alle sind zur Einkehr bei einem Wirt gezwungen, weil ein Schneesturm die Weiterfahrt verhindert. Hinzu gesellen sich noch vier weitere Charaktere: ein Henker (Tim Roth, der hier wie ein Ersatz für Christoph Waltz wirkt), ein mysteriöser Mexikaner (Demián Bichir), ein Cowboy (Michael Madsen) und ein einstiger General (Bruce Dern).

Tarantino beginnt nun ein dialoglastiges Kammerspiel rund um die sich gegenseitig aufschaukelnde Spannung unter den acht einkasernierten Beteiligten. Im Zentrum des Films steht ein Brief von Abraham Lincoln, doch das ist zunächst einmal gar nicht wichtig. „The Hateful Eight“ steuert nämlich lieber schnurstracks, aber keineswegs im Laufschritt auf sein gewaltsames Ende zu.

Bis dahin begibt sich Tarantino in eine filmische Versuchsanordnung; die Verortung der Figuren in einem geschlossenen Umfeld erinnert an die Krimis von Agatha Christie, die Dramatik bezieht sich dabei keineswegs aus bildgewaltigen Klischees des Western-Genres, sondern aus Schnittfolgen des Autoren-, aber auch des Genrefilms; dennoch ist die (in Wien im Gartenbaukino gezeigte) 70mm-Version des Films optisch opulent und einige Minuten länger als die 167 Minuten dauernde digitale Projektion. Beachtlich, wie Tarantino und sein Kameramann Robert Richardson dem Film trotz Breitwand-Optik und einem Score von Ennio Morricone eine visuelle Intimität bewahren. Dass sich „The Hateful Eight“ am Ende in einer Gewaltorgie entlädt, ist Tarantino-Kennern kein Geheimnis, sondern eher ein Bedürfnis, dem der Regisseur auch diesmal bereitwillig nachgibt.

Neu ist aber, dass Tarantino sich über Gebühr selbst zitiert; an manchen Stellen wirkt „The Hateful Eight“ wie eine Western-Version von „Reservoir Dogs“, und Tarantinos Hang zur zeitlich ausladenden Gestaltung von Szenen findet hier einen Höhepunkt: Die gesamte zweite Hälfte des Films ist eine permanent penetranter werdende Aufstachelung zur Gewalt. Ein alter Hut, ja. „The Hateful Eight“ ist redundant und auch ein Déjà-vu. Aber nicht Schnee von gestern, denn von all den Beinahe-Western, die Tarantino gemacht hat, hat er die größte Relevanz: Wer heute vom Wilden Westen erzählt, erzählt in Wahrheit von der Gegenwart.

Matthias Greuling

THE HATEFUL EIGHT – ab 28.1.2016 im Kino

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