Son of Saul: KZ-Kino, wie man es noch nie gesehen hat

Das Holocaust-Drama ist in der Reizüberflutung der Filmwelt längst bei einer gewissen stilistischen Beliebigkeit angekommen, die das Grauen von einst konsumierbar macht; das bedeutet, dass es oftmals keinerlei Vorbereitung bedarf, in solche Filme hineinzugehen. Man kann sie gefahrlos durchsitzen, vielleicht sogar mit einer Tüte Popcorn.

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Der Grund, weshalb „Son of Saul“ ein so gewichtiger Film innerhalb dieses Subgenres ist, liegt allein in seiner Gestaltung: Der ungarische Regisseur László Nemes, für sein Regiedebüt „Son of Saul“ soeben mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film prämiert, verfolgt darin eine Politik des Verbergens, während seine Kollegenschaft die Nazi-Gräuel nur allzu gern herzeigt.

Nemes’ Reduktion auf unscharfe, im Hintergrund stattfindende Handlungen, während man der Hauptfigur Saul Ausländer (Geza Röhrig) auf Schritt und Tritt (und stets ganz nahe) durch ihren Alltag als Mitglied eines KZ-Sonderkommandos folgt, setzt das Kopfkino über die eigentlich unzeigbare KZ-Realität in Gang. Eine wummernde Tonspur voller grauenhafter Geräusche fungiert als Brandbeschleuniger für die Bilder im Kopf. Nemes überlässt den Zuschauer bald sich selbst; er muss sich in das KZ und den Massenmord eindenken, anstatt alles als säuberlich drapierte Bilderflut vorgesetzt zu bekommen, die ihm keine Fragen mehr offenlässt. „Son of Saul“ ist deshalb der vielleicht wichtigste Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust seit… – und hier beginnt das Nachdenken erneut. Ja, seit wann eigentlich?

Matthias Greuling

Eine Langfassung mitsamt Interview Laszlo Nemes finden Sie hier.

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