„Room“: Leid auf 9m²

Auf neun Quadratmeter zu leben, und zwar zu zweit, das ist Herausforderung und Qual zugleich. Dieser kleine „Raum“, der Regisseur Lenny Abrahamsons Film den Namen gibt, ist zweckmäßig aber rudimentär ausgestattet. Hier wird gekocht, ferngesehen, gewaschen und gebadet, geschlafen und sogar Sport gemacht: Eine junge Frau und ihr kleiner, fünfjähriger Sohn leben auf dieser Enge – und zumindest er hat außer die Dachluke, die etwas Tageslicht ins Innere des fensterlosen Raums wirft, noch nicht gesehen, wie die Welt da draußen funktioniert. Die kennt er bestenfalls aus dem Fernsehen.

Ma (Brie Larson) lebt ihrem Sohn Jack (Jacob Tremblay) die größtmögliche Normalität vor, und wenn allabendlich ihr Peiniger und Entführer kommt, sollte Jack längst in einem Kleiderkasten schlafen, damit er von dem Missbrauch nichts mitbekommt.

„Raum“ orientiert sich an den Verbrechen, die in Österreich und der Welt für Aufsehen gesorgt haben: Der Fall Natascha Kampusch diente dem Drehbuch von Emma Donoghue ebenso als vortreffliches Vorbild wie die abstruse Gefangenschaft der Tochter von Josef Fritzl, mit der er sieben Kinder zeugte.

In „Raum“ ist das Entführungsopfer bereits eine erwachsene Frau; seit sieben Jahren sitzt Ma nun schon in diesem Gefängnis, und seit ihr Sohn denken und sprechen kann, versucht sie, ihm die Realität mit phantastischen Geschichten anzureichern, auf dass er nicht mitbekomme, in welcher Misere seine Mutter steckt. Der begrenzte Ausblick in den Himmel zwingt ihn, sich die Dinge und Gegenstände in diesem Raum zum Freund zu machen: Eine Toilette oder ein Waschtisch bekommen so schnell eine eigene Persönlichkeit, zu der Jack eine tiefe Vertrautheit aufbaut.

Der Wille zu Veränderung wird aber zunehmend stärker in den Protagonisten: Ma beschließt, einen Ausbruchsversuch zu wagen; Jack soll sich totstellen und von ihrem Peiniger hinaustransportiert werden. Draußen soll der Bub dann die erstbeste Person um Hilfe bitten. Der Plan gelingt auf Anhieb, und Jack kommt frei. Wenig später ist auch seine Mutter bei ihm.

Nun wechselt der – grundsätzlich sehr konventionell gestaltete – Film sein Setting: Gezeigt wird, wie schwer sich Opfer solcher Missbrauchsfälle wieder in ein „normales“ Leben eingliedern können – vom Besuch mitleidheischender Journalisten bis hin zu dem immer wieder subtil im Raum stehenden Vorwurf, eigentlich sei man an allem, was passiert ist, auch ein bisschen selbst schuld.

Dem Regisseur gelingt es spätestens da, die Ambivalenzen in der öffentlichen Wahrnehmung zu thematisieren, die jahrelang in den Medien rauf und runter gespielt wurden. Vom Opfer als Täter war da die Rede, und das gar nicht selten.

Dass die Oscar-Jury Brie Larson mit dem Preis als beste Schauspielerin belohnt hat, mag vielleicht mehr der Relevanz des Themas geschuldet sein, an der man einfach nicht vorbeikommt. Tatsächlich spielt Larson sehr solide und glaubhaft, doch der Oscar hätte eher ihrem inzwischen neunjährigen Filmsohn Jacob Tremblay gebührt, der hier als die wahre Hauptfigur hinaus in eine Welt gerissen wird, auf die er so nicht vorbereitet war. Wie sich Missbrauch hier in diesen unschuldigen Kinderaugen spiegelt, das ist wirklich preisverdächtig.

Matthias Greuling

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s