Midnight Special: Sci-Fi und leuchtende Kinderaugen

Jedes Kind hat ein besonderes Talent, das ist bekannt. Manche können musizieren wie kleine Mozarts, manche malen wie Picasso. Der Bub in „Midnight Special“ ist allerdings in jeder Hinsicht speziell. Und der Film auch.

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Jeff Nichols, sein Regisseur, galt auf jeden Fall auch als überaus talentierter Knabe, als er 2011 seinen Film „Take Shelter“ vorlegte. Darin ging ein Vater (Michael Shannon) gegen einen scheinbar drohenden Weltuntergang vor; er errichtete auf seinem Grundstück einen Bunker für seine Familie, und solange man noch rätselte, welche Katastrophe hereinbrechen würde, begann man an der geistigen Fitness des Protagonisten zu zweifeln. „Take Shelter“ funktionierte als glänzendes Genre-Gespann aus Sci-Fi und Horror. „Midnight Special“ schlägt insofern Brücken zu seinem Erstling, als dass er eine ähnliche thematische Ausgangslage offeriert: Auch hier verschwimmt die Realität mit dem (Über-)Sinnlichen. Auch hier befindet sich die Welt offenbar im Angesicht drohenden Unheils.

Im Mittelpunkt steht der achtjährige Alton (Jaeden Lieberher). Er funktioniert ein bisschen wie eine Mikrowelle: Da wird’s auch heiß, ohne dass man sieht, wie. Jedenfalls kann Alton auf wundersame Weise ohne Fernbedienung Autotüren öffnen. Er kann auch Satelliten zum Absturz bringen und auf eine Tankstelle stürzen lassen, wenn er sich einmal nicht so gut unter Kontrolle hat. Wenn Alton einen Anfall bekommt, dann leuchten und strahlen seine Augen gleißend weiß und man sollte sich lieber nicht in seiner Nähe befinden.

Das Ganze ist von Nichols natürlich ernst gemeint und nicht so salopp wie hier beschrieben. Es gib da eine texanische Sekte, „The Ranch“, die datiert das Weltenende mit dem nächsten Freitag und hat Alton darob vorsorglich zu ihrem Quasi-Messias bestimmt. Doch Altons Vater (wieder Michael Shannon) und sein Kumpel entführen ihn aus den Fängen der Sekte. Unterwegs treffen sie irgendwann auf die Mama (Kirsten Dunst), die ein bisschen Zuneigung in den Film bringt. Zugleich begibt sich auch die NSA auf Altons Spur – schließlich knackt der Bub jeden noch so komplizierten Militärcode (Adam Driver hat hier einen richtig guten Part als NSA-Beamter). Von da an wird der als dunkler Thriller gestartete Film zunehmend abstrus. Ob Nichols mit seiner Geschichte nun intendiert, von der Paranoia-Gesellschaft der USA zu erzählen oder nicht, kann jeder selbst entscheiden. Weil US-Kino generell wenig für subtile Metaphern übrig hat, nimmt sich auch „Midnight Special“ bald aus wie ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen vielen Erwachsenen und einem Kind, das eigentlich nicht weiß, was das alles soll. Das weiß man auch als Zuschauer bald nicht mehr: Irreal, parareal, surreal oder sch . .. egal? Letzteres ist leider der Weg, auf dem die spannend begonnene Reise endet.

Matthias Greuling

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.

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