Nimm Abschied: „Ein Mann namens Ove“

Ein aufrechter Schwede definiert sich über das Fahrzeug, das er fährt: Vier Buchstaben genügen, denn es muss ein Saab sein! Für ausländische Erzeugnisse hat man nur Spott übrig: Ein Audi hat etwa „vier Nullen auf der Motorhaube und die fünfte hinterm Steuer“. Aber Vorsicht! Auch innerschwedisch ist die Autofrage nicht gelöst: Dass der Nachbar seit jeher einen Volvo fährt, wird ihm als mieser Charakterzug übel genommen; als er schließlich aber einen BMW kauft, wird die Freundschaft aufgekündigt.

Das Leben von Ove (Rolf Låssgard) läuft so unrund wie ein ungewuchteter Autoreifen. Der Rentner lebt allein in einer schwedischen Kleinstadtsiedlung, seit seine geliebte Ehefrau vor einem halben Jahr verstarb; Ove will nichts mehr als ihr endlich nachzufolgen, damit beide im Tod wieder vereint sein können. Wenn da nicht das andauernde Pech wäre, dass sämtliche seiner Selbstmordversuche scheitern lässt: Der Strick, an dem sich Ove im Wohnzimmer aufknüpfen will, reißt. Er bringt ihn entnervt in den Baumarkt zurück. Für sein Geld könne man sich wohl ein wenig mehr Qualität erwarten.

Als in Oves Nachbarschaft eine junge, schwangere Perserin einzieht, vereitelt diese weitere Selbstmordversuche. Überdies gibt es in der Wohnanlage beim morgendlichen Rundgang genug Missstände zu beheben: Wer hier mit dem Auto hineinfährt, riskiert eine rüde Schelte von Ove, und auch die, die ihren Müll nicht anständig trennen können, stehen auf seiner schwarzen Liste. Ove ist das, was man einen grantelnden alten Mann nennen kann, der als Witwer endgültig den Glauben ans Leben verloren hat. Doch Ove regeneriert sich langsam, fast unmerklich: Er empfindet plötzlich, dass es doch Dinge auf der Welt gibt, für die es sich zu leben lohnt.

Regisseur Hannes Holm hat mit „Ein Mann namens Ove“ den Romanerfolg von Fredrik Backman verfilmt und dabei angenehm zurückhaltend den leichten Unterhaltungscharakter der Vorlage beibehalten, ohne die Metathemen Freundschaft, Lebenslust und Schicksal zu intellektualisieren. Der Film und das Buch sind beide, was sie sind: Unterhaltung im besten Wortsinne. Mit der Besetzung von Rolf Låssgard in der Titelrolle ist Holm ein Glücksgriff gelungen. Låssgard, der in vielen Mankell-Krimis Kommissar Wallander spielte, ist hier in seiner miesepetrigen Art als Type ge- und überzeichnet, überschreitet aber nie die Grenze zur Karikatur.

„Ein Mann namens Ove“ ist in seiner Erzählweise das, was man gemeinhin unter trockenem, lakonischem Humor aus Skandinavien subsumiert, jedoch arbeitet Holm hier mit Sorgfalt heraus, dass diese Scheinkomödie eigentlich eine knallharte Tragödie ist: Oves Dasein als Witwer ging eine jahrelange Lebensqual voraus, wie man erst im Verlauf des Films erfährt.

Regisseur Holm hält das Interesse für seinen tragischen Helden nicht ganz bis zum Ende aufrecht, aber über weite Strecken funktioniert die Bindung des Zuschauers an Oves Geschichte gut. Auch, weil der alte Grantler mehr und mehr Frieden mit sich und der Welt schließt. Ein richtiges Happy End gibt es trotzdem nicht, denn es ist ein Film der Abschiede, zu dem auch die Erkenntnis gehört, dass Saab schon länger keine Autos mehr baut.

Matthias Greuling

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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