Seefeuer: Gianfranco Rosi und das Grauen auf Lampedusa

Man kann auf Lampedusa entspannten Sommerurlaub machen, zum Beispiel in der Baia Turchese, ein Zimmer mit kleiner Terrasse und Meerblick kostet hier 135 Euro. Geworben wird mit türkisblauem Wasser wie in der Karibik, mit gutem Essen, Gastfreundschaft. Es gibt 4500 Einwohner auf der Insel, die mit ihren schroffen Klippen zerklüftet aus dem Mittelmeer ragt. Italien ist weit weg; Sizilien erreicht man nach 210 Kilometern, näher ist Tunesien, es liegt nur 130 Kilometer entfernt. Das schroffe Gestein auf der Insel wirkt unwirtlich, die Straßen sind holprig und außerhalb der Saison ist hier nicht viel los – dafür gibt es hier immer frischen Fisch, von dessen Fang ein Teil der Bevölkerung lebt. Der andere Teil lebt vom Tourismus, es gibt auf der nur neun Kilometer langen und nicht überall drei Kilometer breiten Insel sogar einen Flughafen. Am Hafen gibt es einen Fischmarkt, eine Tauchschule und auch ein paar bessere Restaurants mit Stoffservietten. Italienisches Flair, wie man es kennt.

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„Seefeuer“ (Foto: Filmladen)

Und doch ist Lampedusa zum Symbol für eine beispiellose humanitäre Katastrophe geworden, seit hier der Flüchtlingsstrom aus Afrika einsetzte. Die Bilder von vollgestopften Booten halbverdursteter Männer, Kinder und Frauen gehen mit schöner Regelmäßigkeit um die Welt.
Der italienische Regisseur Gianfranco Rosi war die verstörende, sensationsheischende Berichterstattung von der Insel leid. Er wollte tiefer graben, mitten rein ins Bewusstsein der Inselbewohner, wollte zeigen, wie Lampedusa abseits von Tourismus und Flüchtlingsstrom funktioniert und lässt in „Seefeuer“ den Alltag mit der Katastrophe kollidieren.
„Seefeuer“ ist eine stille Langzeitbeobachtung ohne Kommentar. Rosi gewann dafür im Februar den Goldenen Bären bei der Berlinale. Der Originaltitel „Fuocoammare“ („Meer in Flammen“) lehnt sich an ein gleichnamiges Lied an, das aus einer Zeit stammt, als hier Krieg war und das Meer voller Blut. Die Menschen, die jetzt hier vor der Küste sterben, färben das Wasser zwar nicht rot, aber der Gedanke daran ist da.
Rosi folgt der Fischerfamilie des kleinen Samuele, ein Bub, der in der Freizeit mit Steinschleudern auf Kakteen schießt, denen er zuvor menschliche Antlitze verpasst. Er findet sich ungeeignet für den Fischerberuf, weil ihm auf See andauernd schlecht wird. Der Dorfarzt will Samueles träges Auge trainieren und verpasst ihm eine Augenklappe.

Aber Dr. Pietro Bartolo hat noch ganz andere Aufgaben. Er erzählt, wie er manchmal Proben von toten Flüchtlingen nehmen muss und dabei auch verendeten Kindern die Ohren abschneidet. Oft benötigt der Horror gar keine explizite Abbildung.
Die liefert Rosi aber schließlich trotzdem, sodass man sich der ganzen Breite der Katastrophe nicht mehr entziehen kann: Bei einer Rettungsaktion filmt Rosi in den Bauch eines Flüchtlingsschiffs, in dem Dutzende Menschen qualvoll verendet sind. Eine Notwendigkeit für diese Bilder gibt es nicht, aber eine Dringlichkeit, um zu zeigen, was passiert, wenn die Nachrichtenkameras ausgehen und die Reporter wieder im Flieger sitzen. Es sind die letzten Bilder, die Rosi auf Lampedusa gedreht hat, ehe er seinen stillen, eindringlichen Protestfilm fertig wähnte. „Seefeuer“ ist die Momentaufnahme einer Katastrophe – und ist doch so viel mehr: Dass hier einer kleiner Bub mit Augenklappe neben der Katastrophe herlebt, ist keine Metapher für ein Europa, das halb blind für die anderswo mitverursachten Probleme war, aber es kann so verstanden werden. Rosis Tableaus zur Lage sind aber nie spekulativ in Bezug auf ihre Wirkung, sondern bloß ehrlich. Darin liegt die politische Qualität dieser Arbeit.

Matthias Greuling

SEEFEUER – ab 29.7. 2016 im Kino

(Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen)

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