Diagonale 2013: Kein Megatrend im österreichischen Film

Schon beim Frühstück wird hier über Film diskutiert: Die Filmschau Diagonale, bei der heute, Samstag, Preisgelder von mehr als 100.000 Euro vergeben werden, lockt nicht nur Grazer Publikum oder die heimische Filmbranche an, sondern auch internationale Gäste. Einige von ihnen sind Programmierer anderer Festivals und halten Ausschau nach geeigneten Produktionen, die sie einladen könnten. Das ist Teil des Festivalbetriebs, und mitunter der Startschuss für lange Festivalkarrieren. Es ist die Wurzel dessen, was man gemeinhin als das „österreichische Filmwunder“ bezeichnet: Ohne Networking bliebe auch der beste Film vermutlich weitgehend ungesehen.
 
„Das Haus meines Vaters“ von Ludwig Wüst. Foto: Diagonale
Filme wie „Talea“ von Katharina Mückstein oder „Soldate Jeanette“ von Daniel Hoesl stehen nicht nur dank geschickter Festivalplatzierungen (Hoesl gewann in Rotterdam) hoch im Kurs (die „Wiener Zeitung“ berichtete) – sie gehören auch zu den Favoriten bei der Preisverleihung. Und sie sind ein Indiz dafür, wie uneinheitlich sich das Diagonale-Programm dieses Jahr zeigt – im positiven Sinne. Einen Megatrend gibt es im jüngeren österreichischen Filmschaffen nämlich nicht: Trotz des viel beschworenenen „Wunders“ sind die meisten Filmemacher hier Individualisten geblieben, die weniger „österreichische“ denn viel mehr „eigenwillige“ Filme machen.

Die Eigenwilligen

Ludwig Wüst ist so ein Eigenwilliger. Seine Filme „Koma“ oder „Tape End“ sind Ausdruck eines radikalen Kinos, das gerne mit seiner spröden Darreichungsform spielt. Für Wüst, ein gebürtiger Bayer, der jahrelang vor allem am Theater inszenierte, sind auch seine Filme Bühnen; es gibt kaum Schnitte, sondern lange, bis zur Penetranz ausgereizte Takes. Dabei sind seine Stücke nie theatralisch oder bühnenhaft, sondern in Schauspielerführung und Dialogen zutiefst filmisch. Eine Verschränkung, die sonst selten gelingt. Bei Wüsts neuer Arbeit „Das Haus meines Vaters“ aber funktioniert sie perfekt. Ein Mann (Nenad Smigoc) kehrt in das Dorf seiner Jugend zurück, trifft dort auf eine einstige, ihm sehr zugeneigte Schulkollegin (Martina Spitzer), die ihn durch das verlassene Haus seiner Eltern führt. Er entdeckt im heruntergekommenen Chaos allerhand, was ihn an seine Kindheit denken lässt; Erinnerungen offenbar, die ihm gar nicht gefallen. Wüst thematisiert das Hinter-Sich-Lassen von Vergangenheit, das Zudecken unangenehmer Wahrheiten, das Negieren von eigenen Befindlichkeiten; „Das Haus meines Vaters“ ist famos gespieltes Minimalismuskino, das gerade durch seine reduzierte Handlung eine starke Sogwirkung entfaltet.
„Der Blick in den Abgrund“, Barbara Eder (Foto: Diagonale)
Bei den Dokumentarfilmen hat die Diagonale etliche Arbeiten im Programm, die sich mit der Normalität in Extremsituationen befassen. Barbara Eder etwa unternimmt in „Der Blick in den Abgrund“ den Versuch, die Arbeit von Profilern auf ihre Alltagsrealität hin zu untersuchen. Die kriminalistische Suche nach dem Bösen setzt diese Menschen unter Druck, auch, weil ihre Tätigkeit längst zum TV-Klischee verkommen ist: Kein Genre funktioniert im Fernsehen besser als der Krimi.
Die Normalität des Gerichtsvollziehers zeigt „Schulden GmbH.“ von Eva Eckert. Sie ist bei Pfändungen, Zwangsversteigerungen und Schuldnerberatungen dabei, und blickt auf Fälle, die die Strenge des Gesetzes zu spüren kriegen; wer einmal in die Schuldenfalle gerät, findet nur schwer wieder heraus. Menschlichkeit, das zeigt dieser Film, hat gegen das Gesetz keine Chance.
Matthias Greuling
Dieser Beitrag ist zuerst in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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