DER GLANZ DES TAGES: Kritik und Interview

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Von Matthias Greuling
„Der Glanz des Tages“ ist Zeugnis dafür, dass von dramaturgischen Konventionen und gängiger TV-Dramaturgie verstellte Charaktere nicht sein müssen, sondern dass die Wirkung authentisch gezeichneter Figuren mehr Sog entfacht, als jeder dramaturgische Kniff: Tizza Covi und Rainer Frimmel erzählen in ihrem neuen Film von einem Schauspieler (Philipp Hochmair als er selbst), in dessen von Textlernen und Theaterproben beherrschtes Leben plötzlich sein Onkel (herausragend: Walter Saabel) tritt, der ihm wieder so etwas wie Lebensnormalität vorzeigt.

Walter Saabel (l.) und Philipp Hochmair
in „Der Glanz des Tages“ (Foto: Stadtkino)
Das Aufeinandertreffen zweier Welten ist hier als wunderbar unprätentiöse Filmerzählung geglückt: Die Künstlichkeit in der Welt des Schauspielers, der in seinen Texten versinkt, anstatt mit beiden Beinen im Leben zu stehen, wird durch die Anwesenheit seines bodenständigen Onkels, eines einstigen Zirkusartisten, konterkariert. Nicht jeder, der auf einer Bühne besteht, besteht auch im Leben. Es scheint sogar, wie dieser Film zeigt, die Ausnahme zu sein, dass ein Schauspieler ein wirkliches Leben führen kann. Wie schon in ihren Vorgängerfilmen „Babooska“ und „La Pivellina“ arbeiten Covi und Frimmel mit großer dokumentarischer Präzision und starkem Hang zu Wirklichkeitsnähe und Natürlichkeit, diesmal aber skizzieren sie in scheinbarer Beiläufigkeit und mit einer unglaublichen authentischen Kraft Lebensentwürfe zwischen Schein und Sein. „Der Glanz des Tages“ feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb des Festivals von Locarno, Hauptdarsteller Walter Saabel bekam einen Silbernen Leoparden, für die tatsächlich herausragendste, weil authentischste Schauspieler-Leistung des Festivals. In Saarbrücken bekamen Covi und Frimmel im Jänner den Max-Ophüls-Preis. Ich sprach mit dem Filmemacher-Paar in Locarno.
In Ihren Filmen kommt immer wieder der Zirkus und seine bunte Wunderwelt vor. Was fasziniert Sie daran?
Tizza Covi: Im Zirkus findet man die interessantesten Persönlichkeiten. Hinzu kommt diese Parabel auf das Leben. Man ist auf der Bühne jemand anderer als in Wirklichkeit. Das kann man eins zu eins auf das Leben an sich übertragen, denn man spielt immer jemanden, der man in Wirklichkeit gar nicht ist. Die Gegenwelt des Theaters ist im Grunde nichts anderes als ein Zirkus, vielleicht in einem größeren oder intellektuelleren Rahmen: Auf der Bühne jemand sein, der man nicht ist.
Sie zeigen in Ihrem neuen Film die doch recht einsame Welt von Bühnenkünstlern.
Rainer Frimmel: Es geht in „Der Glanz des Tages“ ganz klar um diese Einsamkeit, im Fall von Philipp Hochmair, der sich selbst spielt, um einen sehr bekannten Bühnenschauspieler, der sein Leben in Texten verbringt und auf der Bühne steht. Es war eine Herausforderung für uns, mit Philipp daran zu arbeiten, dass er vor der Kamera sich selbst spielen muss. Mit Laien zu arbeiten, wäre dahingehend leichter, weil sie ihre Persönlichkeit mitbringen. Aber bei einem Bühnenschauspieler ist es schwieriger, seine vielen Ichs auf sein wahres Ich zu reduzieren.
Führt mitunter ein trauriges Dasein, wer nur auf der Bühne lebt?
Covi: Das kann man so oder so sehen. Es gibt auch tolle Erfolgserlebnisse auf einer Bühne, der allabendliche Applaus zum Beispiel. Das kann ein spannendes Leben sein, aber das sind sicher sehr subjektive Erfahrungen, die da mitspielen. Mit den Texten zu leben, das hat sehr positive Dinge.
Frimmel: Wir haben Hochmairs soziales Umfeld im Schnitt relativ stark ausgeblendet, um diese Verlorenheit zu dramatisieren. Aber natürlich hat Philipp auch ein ganz normales Alltagsleben.
Aber Hochmair sagt im Film: Eigentlich habe ich keine Freunde.
Frimmel: Das stimmt schon, denn wenn du immer wieder in einer anderen Stadt spielst und zwischen Hamburg und Wien pendelst, ist das auch schwierig. Wahre Freunde sind in diesem Beruf selten.
Durch die Entscheidung, dass Hochmair sich selbst darstellt, bekommt „Der Glanz des Tages“ auch eine Art dokumentarischen Charakter.
Covi: Wir sind auch Dokumentaristen, das interessiert uns am meisten.
Dennoch ist „Der Glanz des Tages“ ein Spielfilm. Wie genau ist die Geschichte im Vorhinein ausgeschrieben, wieviel ist spontan entstanden?
Frimmel: Wir haben stark mit Improvisation gearbeitet und auch die Geschichte hat sich während des Drehs verändert beziehungsweise entwickelt. Es gab nur ein 20-seitiges Skript, auf dessen Basis wir den Film beim Dreh aufgebaut haben.
Covi: Man muss auch dazu sagen, dass alle Geschichten in dem Film tatsächlich wahr sind. Viktor ist tatsächlich ein moldawischer Tischler und auch seine Kinder im Film sind seine echten Kinder. Die Auftritte von Hochmair sind wahr, auch, dass er auf der Bühne dieses Blackout hatte, wo er den Text nicht mehr wusste. Das einzige, was nicht wahr ist, ist, dass Walter Saabel der Onkel von Philipp Hochmair ist.
Walter Saabel ist in seiner Rolle unglaublich authentisch…
Frimmel: Da es seine eigenen Geschichten sind, die er erzählt, ist es für ihn sicherlich schwierig gewesen, soviel Persönliches von sich preiszugeben. Aber dafür sind wir ihm unendlich dankbar.
Wie haben Sie das Gefühl des Gefangenseins eines Schauspielers in sich selbst eingefangen?
Frimmel: Es war schon unser Blick von außen, aber dass wir das so stark herausgearbeitet haben, ist eine Frage des Schnitts gewesen, um die Einsamkeit und Verlorenheit des Schauspielers abzubilden. Der Film beginnt mit einem Vorhang, der zugeht, und endet mit einem Vorhang, der aufgeht. Das bedeutet: Für unseren Schauspieler geht das Leben weiter.
Covi: Der Schnitt war wirklich aufwändig, vor allem, weil wir episodisch-fragmentarisch arbeiten. Wenn man nur eine einzige Szene entfernt, bricht das ganze mühsam errichtete Konstrukt zusammen und der Film funktioniert nicht mehr. Ich habe ein gutes Jahr an diesem fragilen Konstrukt gearbeitet.
In der digitalen Welt drehen Sie beide immer noch gerne auf Film. Verkompliziert das Ihre Arbeitsweise nicht, die ja im Wesentlichen aus einem sehr kleinen Team – Ihnen beiden – besteht?
Covi: Wir drehten auf Super16mm und hatten am Ende 25 Stunden Material. Wir lieben es nach wie vor, auf Film zu drehen, weil es ein viel konzentrierteres Arbeiten ist und außerdem Farbqualität und –dichte unübertroffen sind.
Frimmel: Es kommt unserer Arbeitsweise entgegen, auf Film zu drehen. Film ist viel unkomplizierter als Video. Wer bei Video schöne Bilder haben will, muss viel Aufwand treiben.
Man sollte meinen, es sei genau anders herum.
Frimmel: Ja, aber für unsere Arbeitsweise gilt das nicht. Man könnte natürlich viel Aufwand treiben, mit zahllosen Assistenten und so fort, aber das tun wir nicht. Wir laden das Magazin und drehen.
Covi: Wir sind in der Regel auch nur zu zweit beim Dreh, denn Rainer macht neben der Regie auch noch die Kamera selbst. Diesmal hatten wir ein vergleichsweise großes Team, weil es erstmals auch einen Tonmann am Set gab. Aber mehr nicht. Wir kommen aus dem Analogen, und wir können auf diese Weise viel konzentrierter arbeiten.
Tizza Covi und Rainer Frimmel beim Interview.
Foto: Matthias Greuling
Wie funktioniert Ihre Arbeitsteilung?
Frimmel: Es überschneidet sich alles, aber grundsätzlich mache ich Kamera und Tizza die Schnittarbeit. Wir sehen unsere Filme aber als Gemeinschaftsarbeiten, als ein Ganzes.
Inwieweit wären Ihre Filme anders, wenn Sie sie jeweils ohne den anderen machen würden?
Covi: Wir sind ein eingespieltes Team, denn normalerweise mache ich den Ton und Rainer die Kamera, und gemeinsam führen wir Regie. Das gibt uns eine enorme Konzentration, auf kein Team schauen zu müssen. Das funktioniert für uns sehr gut. Natürlich würden die Filme ganz anders aussehen, wenn jeder für sich einen Film machen würde, denn es stammt die Hälfte von mir und die Hälfte von ihm. Wir arbeiten deshalb so gut zusammen, weil wir komplett konträre Menschen sind. Wenn wir genau das gleiche wollen würden, könnten wir auch getrennt Filme machen.
Daran scheitern auch viele Menschen, die sich denken, ich kann doch nicht hinaus gehen und einfach alleine einen Film machen, denn das ist ja anders als bloß einen Artikel oder ein Buch zu schreiben, wozu man kein Team braucht.
Covi: Das stimmt. Diese Arbeitsweise ist eine große Chance. Wir haben das Glück, von der kleinen Filmförderung (im BMUKK, Anm.) unterstützt zu werden, und uns dadurch auch in verschiedenen Projekten ausprobieren zu können. Wir konnten immer etwas Neues wagen. Diese Möglichkeit, frei zu arbeiten, wollen wir uns erhalten. Denn bei einem Filmdreh, bei dem jeder Tag minutiös vorgeplant ist und man Rücksicht auf das Team nehmen muss, wird man unflexibel; da kann man Drehpläne morgens nicht einfach umwerfen. Unsere Filme sind eben anders. Und das ist ja das Schöne am Filmemachen: Dass es so viele unterschiedliche Zugänge dazu gibt.
Kritik & Interview: Matthias Greuling
DER GLANZ DES TAGES
Ö 2012. Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel. Mit Walter Saabel, Philipp Hochmair
Ab 19.4. im Kino
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