"Dancing Arabs" in Jerusalem

Als Eyad (Razi Gabareen) noch ein kleiner Bub war, da wusste er als Einziger die richtige Antwort bei der lokalen Ratesendung im Fernsehen. Der Gewinn betrug sagenhafte drei Kilo Fleisch vom Markt, und Eyads Vater, ein Palästinenser, der über jede irakische Rakete jubelte, die rüber nach Israel flog, war so stolz und so überzeugt von der Intelligenz seines Sohnes, dass es für Eyad später einmal nur die beste Bildung sein sollte. Die allerbeste.
„Mein Herz tanzt“ („Dancing Arabs“) von Eran Riklis (Foto: Polyfilm)
Diese Schule aber lag „drüben“, in Jerusalem, wo nun, einige Jahre später, für Eyad (nun Tawfeek Barhom) der Ernst des Lebens beginnen soll. Allerdings unter erschwerten Vorzeichen: Eyad ist nicht nur der einzige Araber an dieser jüdischen Schule, sondern auch der erste. Zwar klappt die Integration an dem Elite-Internat nach anfänglichen Schwierigkeiten schnell, jedoch bleibt Eyads Alltag nicht frei von Ressentiments seiner jüdischen Mitmenschen. Einen Job zu finden, der Eyads Qualifikationen entspricht, ist nahezu unmöglich. In dem Restaurant, in dem er angeheuert hat, darf er bloß die Teller waschen. Als Kellner lässt man ihn erst arbeiten, nachdem er sich einen jüdischen Vornamen zugelegt hat.
Immerhin scheint Eyad schon einige Wurzeln in Israel zu schlagen, vor allem, weil er sich aufopfernd um den an Multipler Sklerose erkrankten Yonatan (Michael Moshonov) kümmert und mit Naomi (Danielle Kitzis) eine jüdische Freundin findet, mit der es zunächst sogar möglich scheint, alte gesellschaftliche Barrieren zu überwinden, die eine solche Verbindung bisher eigentlich unmöglich machten. Doch Eyad muss seine Beziehung zu Naomi vor seinen Mitschülern und den Eltern verheimlichen. Das geht nicht lange gut; Eyad verlässt freiwillig die Schule und fasst einen radikalen Vorsatz.
„Mein Herz tanzt“ basiert auf Sayed Kashuas 2002 veröffentlichtem Roman „Dancing Arabs“, in dem der Autor seine eigenen Erfahrungen als Araber mit israelischem Pass einfließen hat lassen. Im Wesentlichen verhandelt der daraus entstandene Film die Notwendigkeit, jeden noch so zaghaften energischen Tonfall zu umgehen, um das eigene Leben in der allzu vertrauten Fremde nicht zu gefährden. Wer etwas aus sich machen will, ist besser still. Und noch besser: kein Araber.
Regisseur Eran Riklis setzt die Geschichte nun stilistisch zunächst in Anlehnung an die bekannte israelische TV-Serie „Avoda aravit“ um, für die auch Kashua als Autor schreibt. Schnell aber wandelt sich der wortarme Erzählton von Riklis’ filmischem Culture-Clash radikal: „Mein Herz tanzt“ will bald Coming-of-Age-Drama sein, um dann ziemlich rasch in ein melancholisch angehauchtes Wehklagen über eine verlorene Liebe umzuschwenken, das schließlich als Melodram mit einiger Süffisanz vom Leben zwischen den Krisenherden berichtet.

Ein Film, der von einem ewigen, schier unlösbaren Konflikt wie jenem rund um Israel erzählt, der kommt um ausrangierte, klischeebeladene Bilder nicht herum, allein schon deshalb nicht, wenn er versuchen will, die komplexen Gründe für die Auseinandersetzungen möglichst im Kleinen, im Persönlichen seiner Figuren abzubilden. Auch „Mein Herz brennt“ unternimmt da den einen oder anderen Kunstgriff, aber Riklis wird dabei niemals moralisierend oder schiebt gar irgendjemandem die Schuld zu. „Mein Herz brennt“ erzählt vom Leben zwischen Israelis und Palästinensern, ohne es als die Groteske zu zeigen, die es ist. Eran Riklis beschwört mit großer Beiläufigkeit die Normalität dieser abnormen Situation und lässt gerade deshalb viel Raum für Diskussionen um die Frage, ob es vielleicht Konflikte braucht, um das eigene Glück zu finden.
Matthias Greuling
MEIN HERZ TANZT, ISR/D/F 2014
Regie: Eran Riklis. Mit Tawfeek Barhom, Danielle Kitzis

Dieser Beitrag ist zuerst in „Wiener Zeitung“ erschienen.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s